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Alarm im Elbe-Fahrwasser – Signalfeuer Leuchtturm Balje erloschen!

Robert Lüttin -
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Das Petroleumlicht im Lampenraum des kleinen runden Leuchtturms Balje, wurde am 1. Februar 1904, nach einjähriger Bauzeit, als Leit- und Quermarkenfeuer am Südufer der Elbe, ca. 30km östlich der Stadt Cuxhaven, gezündet.
Diese Signal-Kennung des Lichts wurde mit Hilfe einer Otterblende, die mit einem Uhrwerk gesteuert wurde, realisiert. Dieses Uhrwerk musste der Leuchtturmwärter alle 4 Stunden wieder aufziehen, damit die Kennung in Betrieb gehalten werden konnte. Zur Bündelung des Lichts kam eine starke Linse, hinter der sich das Petroleumlicht befand, zum Einsatz.
Der Leuchtturm wurde abwechselnd von zwei Leuchtturmwärtern bewohnt, die für die Aufrechterhaltung des Betriebes und der Wartung der Einrichtungen sorgten.
Die Ortschaft Balje, wo die Leuchtturmwärter zu Hause waren, befindet sich 4.5km südlich des Turms hinter dem Deich.

Es war der 21. Dezember 1907, als der Leuchtturmwärter Johannes Brandmann seinen Dienst um die Mittagszeit begann und den Kollegen Kuddel Seitz ablöste.
Johannes richtete sich ein, denn die nächsten 3 Tage war der Turm nun sein zu Hause. Von der oberen Galerie aus sah er Kuddel noch einen Moment lang hinterher, wie der den schmalen Feldweg zum Dorf entlanglief. Dann begann er mit seiner Arbeit.

Zunächst mussten die Kohlen aus dem Erdgeschoss für den Ofen im Wohnzimmer herauf geschleppt werden. Denn das war die einzige Wärmequelle im Turm und sorgte dafür, dass es im Winter immer recht kuschelig, warm und gemütlich war.

Danach kontrollierte er den Lampenraum und zog das Uhrwerk wieder auf, denn noch vor einsetzen der Dämmerung musste das Petroleumlicht gezündet und die Otterblende in Betrieb genommen werden. Jeder Leuchtturm und jedes Feuerschiff, das der Navigation und der Orientierung der Schifffahrt diente, hatte eine spezielle Kennung.
Hier war es 2x kurz (je 1 Sek.) und 3 x lang (je 4 Sek., dann eine Pause von 6 Sekunden, bevor sich die Kennung wiederholte.
Anschliessend versorgte er seinen mitgebrachten Proviant für die Zeit seines Aufenthaltes und machte sich einen Kräutertee und nahm auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz.
Um 16 Uhr, noch bevor die Dämmerung einsetzte, zündete er das Petroleumlicht und setzte die Otterblende in Betrieb. Nun hatte er ein wenig Zeit für sich und lass in seinem mitgebrachten Buch die Geschichten von Robinson Crusoe. Kurz vor 20h musste das Uhrwerk wieder aufgezogen werden. Er hatte also noch reichlich Zeit zum Lesen.
Gegen 18 Uhr rief draussen eine Stimme „Hallo Johannes, mach mal auf!“ Johannes öffnete die Gallerietür und lehnte sich über die Brüstung, um nachzuschauen, wer ihn da besuchen kam. – Ja das war eine Überraschung, denn es war sein alter Schulkollege und Freund Jonni Matteu, den er sicher seit 5 Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Denn Jonni wohnte schon lange nicht mehr in Balje und ist vor vielen Jahren schon in die grosse Stadt Stade umgezogen. Ja, da kam auf beiden Seiten grosse Wiedersehens-Freude auf.

Als beide im Wohnzimmer Platz genommen hatten, zog Jonni eine extra grosse FlascheRum (damals gab es noch 2l-Flaschen!) aus seiner Tasche und stellte diese demonstrativ auf den Wohnzimmertisch.
„Lass uns mal einen ordentlichen und steifen Grog nehmen, ist ein bisschen frisch draussen!“ und in den Gesichtern der beiden Männer machte sich ein breites Grinsen und leuchtende Augen bemerkbar. – „Na, dann muss ich ja mal etwas Wasser aufsetzen und den Zucker mitbringen.“ Und dann verschwand Johannes in der Küche im Erdgeschoss und holte die mit Wasser gefüllte Kanne und den Zucker nach oben. Die Kanne wurde auf dem Ofen platziert, um damit das Wasser zu erwärmen. Aber das dauerte natürlich noch eine Weile. Johannes ging zum kleinen Schränkchen und holte die Groggläser hervor und stellte sie demonstrativ neben die Rumflasche. Jonni drehte den Verschluss der Flasche auf und sagte: „komm, lass mal einen antesten“ und goss etwas von der bräunlichen, hochprozentigen Ware in jedes Glas. „Na denn man Prost!“, sagte Jonni noch und beide leerten die Gläser mit einem Zug in ihren gurgelnden Schlund. „Ahhh ja, das ist mal was super gutes“ und der 54%ige Rum begann sogleich die Magengegend angenehm mit einer herrlichen Wärme zu erfüllen.
Und weil das Wasser in der Kanne immer noch nicht recht auf Temperatur war, wurde gleich nochmals ein Schluck Rum „angetestet!“ – So ging die Zeit dahin und die beiden alten Freude begannen lebhaft und gut gelaunt sich über längst vergangene Zeiten auszutauschen. Und der Rum-Grog, einer nach dem anderen, sorgte für eine sehr ausgelassene Stimmung.
Gegen 20 Uhr, die Stimmung der beiden Freunde war in Höchstform, ging Johannes nochmals in den Lampenraum, um das Uhrwerk aufzuziehen, damit die Otterblende weiterhin die Lichtkennung hinaus auf die Fahrrinne der Elbe ausstrahlen konnte.
Denn das war ungeheuerlich wichtig für die Orientierung und Sicherheit der Schiffe auf der Elbe.
Der Fluss hatte nur eine sehr schmale Fahrrinne, und links und rechts davon waren Untiefen, die ein Frachtschiff sofort auf Grund setzten und die Fahrt je beenden würde, mit allen erdenklichen Konsequenzen.

Der schwankende Seemannsgang und die deutliche Schlagseite der Körperhaltung und der Bewegungen von Johannes sprachen für sich. Aber er erfüllte seine Aufgabe getreu seiner Verpflichtung und kehrte wohlgelaunt aus dem Lampenraum zum wartenden Freund im Wohnzimmer zurück, um auch noch den „weiteren“ Rest, der in der Rumflasche verblieben war, in weitere „steife“ Grogs umzuwandeln. Wie man sich denken kann, verfehlten diese zusätzlichen „Stimmungsmacher“ ihre Wirkung keineswegs. Im Gegenteil die Stimmung stieg weiter in meisterliche Höchstform.

Szenenwechsel:
Auf der Nordsee, ca. 20 km vor der Stadt Cuxhaven, befand sich ein dampfgetriebenes Frachtschiff, das den Namen „Krautsand“ hatte und das von der englischen Küste, genauer gesagt von Folkstone, zurückkam und Fracht geladen hatte, die für den Hafen Hamburg bestimmt war. Es war schon gegen 22.10 Uhr, als das Schiff an der Elbemündung bei Cuxhaven in die gut signalisierte Fahrwasserrinne der Elbe einlief.
Der Kapitän der „Krautsand“ überwachte persönlich die Fahrt durch die Fahrrinne der Elbe, die trotz guter Signalisierung ihre Tücken und Herausforderungen hatte.
Nach gut etwas mehr als 2 Stunden, waren sie ca. 3 km vor dem Leuchtturm Balje und wunderten sich, dass die Signale vom Leuchtturm Balje, die sie kurz zuvor noch deutlich wahrnehmen konnten, plötzlich erloschen waren. Das war eine fatale Situation, denn ohne das Quermarken- und Leitfeuer konnten sie unmöglich ihren sicheren Kurs in der Fahrrinne halten. Der Kapitän ordnete an, die Fahrtgeschwindigkeit des Schiffes drastisch zu reduzieren, was wegen des ablaufenden Ebbewassers problemlos machbar war, – ja mehr noch konnten sie die Fahrt im Fluss stoppen und die Position gegen das ablaufende Wasser halten.

Der Kapitän und der Steuermann, waren sichtlich überrascht und einen Moment wie gelähmt über das sich dort darstellende Ereignis.
Da es aber unmöglich war, das Schiff ohne die leitenden und orientierenden Signale des Leuchtturmes im Fahrwasser zu halten und die sichere Fahrt fortzuführen, entschloss sich der Kapitän kurzerhand vor Anker zu gehen. Andere Schiffe waren zu jenem Zeitpunkt nicht auf dem Fluss unterwegs!
Der eingesetzte Anker stabilisierte die „Krautsand“ sicher und stabil im ablaufenden Wasser der Elbe und da dieser Ebbstrom noch mindestens 3 Stunden anhalten würde, kam bei dem Kapitän ein Gefühl von Sicherheit auf. Es konnte nun zunächst nichts mehr passieren. Sie lagen sicher vor Anker!
Glauben konnte er allerdings seinen Beobachtungen immer noch nicht und musste sich immer mal wieder beim Steuermann vergewissern, dass er das Ganze nicht geträumt hatte.

Szenenwechsel:
Im Wohnzimmer des Leuchtturms Balje hatte sich aufgrund des guten und wirkungsvollen Grogs die Situation ergeben, dass beide Freuden, randvoll des wirkungsvollen Frostschutzes, wie dieser Grog in norddeutschen Küstenregionen auch genannt wurde, tief und fest eingeschlafen waren. Da aber die lauten Schnarchgeräusche, die von den glücklichen Grogkonsumenten ausgingen, der Orientierung der Schifffahrt im Fluss eher nicht dienlich waren, lief das Uhrwerk der Otterblende unbemerkt ab und blieb im geschlossenen Zustand einfach stehen. Licht aus, Signal aus, Leuchtturm Balje definitiv für die Schifffahrt erloschen!

Nach einer Weile entschied sich der Kapitän der „Krautsand“ seine Schiffshupe einzusetzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Immer wieder hupte er mehrere Minuten lang in der Hoffnung, dass seine Signale gehört wurden und ggf. für Abhilfe sorgen würden.
Johannes aber hörte diese Signale mehr im Traum, als in der Realität und wurde dann plötzlich wach. Die Kerze im Wohnzimmer war deutlich abgebrannt und hatte nur noch ein schwaches Licht zu bieten. Aber irgendwas in ihm liess seine Alarmglocken läuten und als er auf die Wohnzimmeruhr schaute war es bereits 0.20 Uhr.
„Verdammte Scheisse“, fluchte Johannes in seiner Verzweiflung und Jonni, der sich ebenfalls mehr im Delirium, als in der Realität befand, nahm kaum Notiz vom aufgeregten und panischen Schulfreund aus vergangenen Tagen, drehte sich auf dem Sessel um und schlief laut knurrend und murmelnd einfach weiter.
Johannes aber, wie von der Tarantel gestochen, er war schlagartig wieder stocknüchtern, rannte die Treppe zum Lampenraum hinauf und zog das Uhrwerk hektisch auf, bis die Otterleuchte Ihren Betrieb wieder aufnahm. Dann sah er die Positionslampen des Schiffes, dass in einiger Entfernung auf dem Ebbstrom vor Anker lag und der Schock, über sein Versagen gegenüber seinen Verpflichtungen liess ihr schlagartig noch nüchterner werden und sein Blutdruck war in absoluter Höchstform!
Als der Kapitän dann erleichtert die Lichtsignalisierung des Leuchtturmes Balje wieder wahrnehmen konnte, gab er den Befehl „Anker auf“ und setzte seine Fahrt sichtlich erleichtert fort.

Johannes aber war reichlich blass um die Nase und machte sich ernsthaft Sorgen und Gedanken darüber, was seine Versäumnisse wohl für Konsequenzen haben könnten.
Schliesslich aber ging er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles um das Lichtsignal in geordneter Form funktioniert, wieder zurück in das Wohnzimmer, wo er Jonni, der sich die Hände vor den Kopf hielt, vorfand. Und das schlechte Gewissen plagte ihn in nie zuvor empfundener Form mehr und mehr. Der Kater der sich bei Jonni zum Ausdruck brachte, hatte seine optimale Wirkung entwickelt und hämmerte mit ganzer Intensität in seinem Kopf. Johannes, dessen Kopf nun mittlerweile auch gewisse specht-symptomatische Erscheinungsformen entwickelt hatte, brachte erstmal den Ofen wieder in Gang, denn der war zwischenzeitlich, genau wie das Signalfeuer, einfach erloschen.
Für den Rest Wasser, der sich noch in der Wasserkanne befand, gab es nun auch definitiv keinen Rum mehr für eine weiteren Grog.
Die Wiedersehens-Feier und der damit einhergehende Spass hatten damit definitiv ein jähes Ende gefunden.- Jonni war nur froh, dass er in dieser Nacht nicht mehr zurück nach Balje laufen musste.
Johannes gab ihm eine Decke und er legte sich auf das Sofa, um einfach weiter schlafen zu können. Johannes aber stellte sich den Wecker und ging dann, wenn auch mit deutlich schlechtem Gewissen, ins Bett.
Am anderen Morgen machte Johannes für seinen Freund und sich selbst ein kräftiges Frühstück. Egal was noch aus der Sache werden sollte, der Freundschaft der beiden alten Schulkameraden hatte das allerdings keinen Abbruch getan.
Gemeinsame Erlebnisse schmieden die Freundschaft nur noch fester zusammen, aber beide waren sich einig, das nächste Wiedersehen wird nur stattfinden, wenn Johannes keinen Dienst im Leuchtturm zu verrichten hätte. Abgemacht, ist abgemacht!

Es bleibt noch anzumerken, dass diese ganze Aktion keine Konsequenzen für Johannes hatte. Auch erfuhr niemand in Balje von diesem Ereignis. Die beiden Freunde waren sich auch sehr wohl einig, darüber niemandem etwas davon zu erzählen. Auch der Kapitän der „Krautsand“ verzichtete, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Anzeige. Johannes war dankbar darüber und auch nach einem halben Jahr gab es keine Nachricht, dass in dieser Sache irgendetwas zur Sprache gekommen ist, was Konsequenzen für Johannes bedeutet hätte. Und so ging dieses Ereignis einfach in die Vergangenheitsgeschichte des historischen Leuchtturms Balje ein – und das war auch gut so!

Der Leuchtturm Balje wurde noch bis ins Jahr 1980 betrieben, genauer gesagt wurde das Signalfeuer am 15. Dezember 1980 endgültig gelöscht. Ersetzt wurde dieses Signalfeuer durch eine neue Kombination aus einem Ober- und Unterfeuer, dass den Kurs und die Orientierung der Schiffe im Fluss noch sicherer und zuverlässiger machten.
Heute ist dieses historische Denkmal, aus der früheren Schifffahrt, ein beliebtes Ausflugsziel in jedem Jahr von Anfang Juli bis Ende August. Da dieser Turm im Naturschutzgebiet des Elbeufers steht, sind die anderen Zeiten des Jahres für den Besuch gesperrt.
Ja, und damit bin ich am Ende dieser kleinen Reise in die Vergangenheit der Seefahrer-Romantik früherer Zeiten. Die alten Geschichten und die Erinnerungen sind längst überliefert und leben in so manchen Erzählungen von Nachfahren ehemaliger, mittlerweile verstorbener Zeitgenossen weiter. Und so darf es sein und sorgt melancholisch für eine kuschelige Erinnerungszeit und macht auch das Leben in dieser Region ein wenig liebenswerter und unterhaltsamer.

Ja Ihr lieben Wintersonnenwende-Gäste. Ab Morgen werden auch nun unsere Tage wieder länger und das ist sicher ein guter Grund, um sich darüber zu freuen und dankbar dem wiederkehrenden Licht entgegen zu sehen. Ich wünsche Euch allen eine schöne Weihnacht und ein gutes und erfüllendes neues Jahr. Bleibt gesund und munter. Auf Euer aller Wohl!

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