Von der großen Straße, etwa einen Kilometer hinter dem Ortsausgang der Stadt, führt eine kleine schmale Teerstraße in leichtem kurvigem Verlauf hinauf in die Berge. Am Waldrand verschwindet sie in den dichten Tannen und führt über eine leichte Kuppe und eine kleine Senke hinauf zum Dorf. Es gibt ganze 4 Höfe hier oben und jeder von ihnen ist gut 250 Jahre alt. Hier endet die Straße und geht über in einen unbefestigten Feldweg, der weiter hinauf in die Waldregion, bis vor die kahle und steile Felswand des nackten Zweitausenders.
Rechts am Eingang dieser Siedlung steht ein zweistöckiges Haus, dessen schwarze Fachwerk-Balken in den Außenmauern sich deutlich von den weißen Gefachen abheben. Die Eingangstür ist mit einem gebundenen Tannenkranz geschmückt. Weiße und rote Bänder umgeben dieses Geflecht in willkürlicher Schönheit. Die schlichte Haustür beinhaltet am oberen Ende zwei kleine Fensterchen, die von innen beschlagen sind. Kleine Sprossenfenster, in regelmäßigen Abständen, säumen die Südseite der Häuserwand und unterhalb dieser Fenster ist das Feuerholz, für den Winter, säuberlich und in geordneter Reihe aufgestapelt. Auf dem Holz sitzt eine alte Katze und stellt das Fell gegen die ungemütliche Kälte dieses frühen Winter-Nachmittages.
Die kahlen Bäume die links und rechts des Stalles stehen, haben sich längst in den Winterschlaf zurückgezogen und wirken leblos und unbeteiligt an all dem Tun und Treiben im Stall des Nachbarhofes. Die Wiesen sind blass-grün, der Schnee, der vor 4 Wochen in so reichlichen Mengen gefallen war, ist durch die anhaltende milde Witterung bereits schon wieder als Wasser in die lehmige Erde eingegangen. Sonst ist es ruhig hier und nichts scheint diese Einsamkeit zu stören. Kein Verkehrslärm, kein Flugzeug, selbst die eifrigen Motorsägen, die sonst oben im Wald die Baumernte bestimmen, haben heute arbeitsfrei!
Im Obergeschoß dieses Hauses, in dem Felipe, seine jüngere Schwester und seine Eltern leben, ist die Mutter in der Küche dabei einen Kuchen vorzubereiten. Felipe schaut traurig aus dem Fenster und es scheint, als ob er heute wenig Interesse an Mutters fleißigen Händen hat und schon gar nicht an einer Beteiligung zu den Weihnachtsvorbereitungen, die ihm sonst immer so wichtig waren.
„Nimm es doch nicht so schwer!“, sagte die Mutter zu ihm, „der Winter ist noch lang und es wird sicherlich noch genug schneien.“ Das tröstete jedoch den kleinen Felipe nicht im Geringsten, denn er hatte sich vom Christkind einen Schlitten gewünscht und wenn er den nun auch bekommen sollte, was er schon schwer hoffte, konnte er ihn noch nicht mal ausprobieren, weil es ja keinen Schnee hatte. Und auf grünen Wiesen und Hängen, konnte man ja schließlich nicht Schlitten fahren. Zu blöd war es aber auch diesmal und sein Gesicht wurde immer düsterer.
Schließlich sprang er von der Bank am Fenster, ging zur Küchentüre hinaus und geradewegs auf das alte Treppenhaus zu, hinunter zum Erdgeschoß, in die große kalte Diele, mit dem Hauseingang. An der Tür links neben dem Hauseingang klopfte er an und nach einer Weile öffnete eine grauhaarige alte Frau die Tür und bat ihn hinein. Felipes Großmutter war ebenfalls in der Küche beschäftigt und bereitete eine frischgeschlachtete Weihnachtsgans für das Festessen am späten Abend vor. Der Großvater saß gemütlich am Kachelofen und rauchte eine lange gebogenen Pfeife. – Als er Felipe sah, empfing er ihn mit den warmherzigen Worten eines alten, erfahrenen Mannes, der den Kummer seines Enkels, aus den bedrückten Augen abzulesen vermochte. Felipe ging, an der schmunzelnden Oma vorbei, direkt zum Großvater und setzte sich neben ihn auf die gemauerte Ofenbank mit dem weißbraunen Schaffell. „Nun Felipe, komm‘ setz dich zu mir und laß dich ein wenig trösten, ich erzähl‘ dir jetzt eine Geschichte, dann sieht die Welt gleich wieder ganz anders aus!“
Und so nahm der Großvater nochmal einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife und bließ den Rauch in tanzenden Ringen in die Stube, die zur Küche hin ein offenes Fachwerk begrenzte.
Die Geschichte ereignete sich vor vielen, vielen Jahren am Weihnachtsabend, als ein kräftiger junger Mann, er war so Anfang dreißig, mit einem Esel und einem Schlitten Weihnachtsbäume in der Stadt verkauft und ausgeliefert hatte. Er hatte vom Vater ein Stück Wald geerbt und dort hatte es immer genug kleine Tannen, die er kurz vor Weihnachten schlug, um sie schließlich dann in der Stadt zu verkaufen. Schon sein Vater belieferte alljährlich seine Stammkundschaft und er führte nun diese Tradition fort. Es war bereits dunkel, als er am letzten Haus, kurz hinter dem Ortsausgang, vorbeikam, um seinen letzten Weihnachtsbaum abzuliefern. Es war das Haus des Jägers und er lebte mit seiner Tochter allein darin, seit ihm seine Frau vor 2 Jahren, an einer starken Grippe gestorben war.
Als er den Griff an der Tür, an dem ein langes Seil über eine Umlenkrolle zu einer Glocke im Inneren des Hauses führte, zog, kam kurz darauf der Jäger an die Tür und bat ihn hinein. Draußen schneite es bereits seit Stunden und immer wieder mußte der junge Mann den Schnee vom grünen Lodenmantel und der Mütze mit den Fellohrenklappen abschütteln. So tat er auch, bevor er das warme Haus betrat, den Weihnachtsbaum stellte er neben der Tür ab. „Setz‘ dich an den Tisch, ich hole dir einen Tee und einen Schnaps und wärm dich erst mal auf!“, sagte der Jäger und während der junge Mann sich setzte, schaute er hinüber zum Ofen, wo die Tochter des Jägers einen langen Faden aus feiner Schafwolle, mit dem alten braunen Spinnrad, auf eine zappelnde Spule wickelte. Kurz trafen sich die Blicke der Augenpaare und in der scheuen Zurückhaltung beider, verloren sie sich im selben Augenblick geradewegs wieder. Dennoch fiel dem jungen Mann auf, wie schön diese zarte Frau war und in seinem Herzen begann sich ein seltsames Gefühl breit zu machen, dass ihm bisher fremd war. Noch bevor er recht zur Besinnung kam, zog der Jäger neben ihm einen Stuhl beiseite stellte zwei dampfende Tassen Tee und zwei Schnapsgläser auf den Tisch und mit der rechten Hand zog er eine durchsichtige Glasflasche mit einem hellgrünen Inhalt aus seiner Hosentasche. Mit einem deutlichen „Plopp“ trennte sich der Korken vom Flaschenhals und die grünliche Substanz ergoß sich wohl portioniert in die kleinen Gläser. Als die Flasche wieder einen Standort auf dem hölzernen Tisch fand, schwappte die hochprozentige Brühe noch eine Weile hin und her. „Zum Wohl“, sagte die dunkle rauhe Stimme des Jägers und die beiden kleinen Gläser begegneten sich mit einem gläsernen Klang, bevor dessen Inhalt sich in den feuchten Kehlen der Männer verlor. Noch bevor die Gläser ihren Weg zurück auf den Tisch fanden, war die Flasche abermals unterwegs, einen Teil ihres wohltuenden Inhalts an die bunten Glässchen zu überlassen. Während der Jäger nachgoß, ging der Blick des jungen Mannes abermals zur jungen Frau hinüber und in seinen Gedanken überschlugen sich die Empfindungen, die er zuvor kurzzeitig, in der Konzentration auf den Jäger, verloren hatte. Wie war sie doch schön und obwohl er diese junge Frau schon als Kind gekannt hatte, bemerkte er doch erst jetzt, dass sie sich zu einer reifen und erwachsenen Frau entwickelt hatte. Die Stimme des Jägers, die abermals ein „Zum Wohl“ erklingen ließ, riss ihn wieder hinaus aus seiner Faszination und als wäre in ihm etwas zerrissen, empfand er einen Schmerz, als er sich wieder mit seinem Blick auf das Augenpaar des Jägers konzentrieren mußte. Abermals verschwand das hochprozentige Nass in den Kehlen der Trinker und mit geräuschvollem „Aaaahhh!“, erreichte die Flüssigkeit ihr Ziel. So ging es noch eine Weile weiter und immer wieder wich der Blick des jungen Mannes ab, hinüber zur Tochter, die mit Geschick und Hingabe das wollene Knäul zu größerer Gestalt entstehen ließ. Dem Jäger war es nicht entgangen, dass der junge Mann scheinbar eine Faszination für seine Tochter empfand. So lud er ihn ein bis zum Abendessen zu bleiben und man könne ja auch noch ein wenig mehr plaudern, wo man sich doch schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Der junge Mann aber lehnte dankend ab, denn er hatte auf seinem Hof oben in der Bergsiedlung noch allerlei zu tun, denn er war bereits seit 3 Jahren allein, nachdem er seinen Vater durch einen Unfall beim Holzfällen so plötzlich begraben mußte. – So dankte er für Tee und Schnaps und ging, mit einem letzten Blick an der Tochter vorbei und durch die schmale Stubentür hinaus auf den Flur. Durch die offene Tür trafen sich die Blicke noch einmal und nachdem er seinen Lodenmantel geschlossen hatte, verabschiedete er sich vom Jäger und ging zusammen mit seinem Esel und dem Schlitten den schmalen Pfad hinauf zur Siedlung. Nach etwa einer halben Stunde war er in der Siedlung angekommen. Er versorgte den Esel im Stall und gab ihm heute eine Extraportion von dem wohlriechenden Heu und ging dann mit einem Arm voll Brennholz hinein in das Haus, welches sein Elternhaus war. Mit dem Holz machte er ein Feuer im Küchenofen, so daß sich innerhalb kurzer Zeit eine angenehme Wärme im ganzen Raum verbreitete. Aus der Speisekammer holte er sich einen geräucherten Schinken hervor und eine gute Flasche Wein, sowie das feine Krustenbrot und die Butter, welche er selbst herstellte. Nach dem er sich so gestärkt hatte, bemerkte er, dass er für die Nacht noch einige Scheite Holz brauchen würde. Er warf den Mantel nochmals über und ging mit dem Holzkorb hinaus in den Stall. Der Esel war zufrieden und nahm lediglich die Nase etwas in die Höhe, als er den jungen Mann sah, dann kaute er genüsslich an seinem Heu weiter.
Als er die Tür zum Stall wieder schloß, vernahm er ein merkwürdiges Geräusch, das scheinbar drüben vom Waldrand herkam und das wie Klagen und Wehgeschrei klang. Eiligst brachte er das Holz in die Küche und legte noch ein paar Scheite nach, bevor er sich mit einer Laterne auf dem Weg zu diesem Geräusch aufmachte. Der hohe Schnee behinderte seine Schritte und er versank bis zu den Knien in dieser weißen, kalten Pracht. Der Mond war mit seiner halben Sichel ein zusätzliches Licht und half ihm zudem bei der Orientierung. Nach gut 300 Metern war er am Waldrand angekommen Als er an die Stelle kam von wo die Geräusche herkamen, sah er im Laternenlicht ein Reh, das sich scheinbar verletzt hatte und beim Überspringen des dortigen Zaunes hängen geblieben war. Das Tier schien große Schmerzen zu haben und war schon halb besinnungslos, als der junge Mann es fand. Behutsam und vorsichtig trug er das Reh nach Hause. Das Reh war so erschöpft, dass es sich gegen diese Behandlung nicht zur Wehr setzte und geschehen ließ, was geschah.
Im Hause sah der junge Mann, daß er dem Tier so nicht helfen konnte und es musste schnell etwas geschehen, um es am Leben zu erhalten. Der Einzige, der überhaupt etwas machen konnte und den Zustand des Tieres objektiv zu beurteilen in der Lage wäre, war der Jäger unten am Ortsrand. So entschied sich der junge Mann, den Esel abermals vor den Schlitten zu spannen. – „Komm alter Junge“, sprach er, als er ihm auf den Hintern klopfte, „wir müssen nochmals los!“. Der Esel wartete dann geduldig vor dem Haus, bis der junge Mann das verletzte Reh im Holzkorb eingepackt auf dem kufigen Schneegefährt festband. Es hatte aufgehört zu schneien, aber der Weg war durch den Neuschnee kaum zu erkennen. Lediglich seine noch zu erkennenden Schlittenspuren vom Hinaufgehen, waren ihm eine gute Orientierungshilfe. Das Tier auf dem Schlitten bewegte sich nicht und zwischendurch hielt er den Esel an, um zu sehen ob es noch lebte. Vor dem Haus des Jägers angekommen, zog er erneut an dem Griff mit dem langen Seil, der Rolle und der Glocke. Der Jäger glaubte seinen Augen nicht, als er den jungen Mann erneut vor der Tür stehen sah. Und völlig erstaunt ertönte die raue Stimme: „Na, hast du es dir nun doch überlegt, mit dem Abendessen?“ Und dann hörte er sich die Geschichte des kleinen Rehs an. – Sie brachten es in die warme Stube und gemeinsam mit der Tochter hat der junge Mann das Tier, nach den Anweisung des erfahrenen Jägers, versorgt.
Die Tochter und der junge Mann verstanden sich auch ohne viel Worte an diesem Abend und es wurde noch ein schöner, langer Weihnachtsabend. Diesmal konnte der junge Mann das Angebot des Jägers nicht ausschlagen – und… er wollte es auch nicht.
Der junge Mann aber ging dieses Mal erst nach Hause, als der erste Weihnachtstag bereits von der Morgensonne verwöhnt wurde. –
Der Opa hatte sich in der Zwischenzeit die lange krumme Pfeife neu gestopft und zündete sie sich unter heftigem zyklischem Saugen an, bis sich der Rauch in dichten Schwaden um seinen Kopf herumbewegte. Dann schaute er Felipe wieder an und dann die Großmutter, die schmunzelnd zu beiden herüberblickte.
Felipe aber sagte: „Das ist aber eine schöne Weihnachtsgeschichte!“, und sah ihn mit leuchtenden Augen an. Der Großvater blickte kurz zur Großmutter hinüber und bemerkte dann: „Ja Felipe, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende, sie geht noch weiter!“ –
„Also mein Kleiner, das war dann so! Der junge Mann kam von da ab öfters in das Haus des Jägers und als die Apfelbäume wieder bunte Herbstäpfel trugen, hat der junge Mann die Tochter des Jägers geheiratet. – Ja, und das Schönste daran ist, im darauffolgenden Sommer ist dann dein Papa auf die Welt gekommen.“ –
„Ooohhh“, sagte Felipe, „dann bist also du der junge Mann gewesen und die Tochter des Jägers ist dann die Großmutter?“ – „Jawohl mein Junge, du hast es richtig erraten, genau so ist es gewesen!“ –
Als Felipe die Großmutter ansah, nickte sie nur wohlwollend und ihre Augen leuchteten warmherzig und liebevoll.
Felipe sprang nun von der Ofenbank und ging kommentarlos zum kleinen Stubenfenster. Draußen war es schon fast dunkel und nur weit im Westen war es noch ein wenig heller, als am übrigen Himmel. – „Großvater, Großmutter, schaut nur, es schneit, – hurra, hurra, es schneit, schaut doch nur!“
Und der Großvater lachte über beide Backen und die Großmutter auch. Der kleine Felipe aber, rannte aus der Stube hinaus auf den Flur, stürzte die Treppe hinauf zur Mutter und sprang vor Freude in der Küche auf und ab. „Es schneit, es schneit, hurra, hurra!“
Am späten Abend aßen sie dann alle von Großmutters köstlichem Gänsebraten und das Christkind brachte den Schlitten für Felipe tatsächlich.
Und Felipe? – Felipe konnte mit seinem neuen Schlitten in diesem Winter noch sehr lange Freude haben, – denn der Schnee schmolz in diesem Jahr erst Anfang Mai!