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Die Flaschenpost

Robert Lüttin -
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Lillemor räumte den Küchentisch ab und begleitete ihre kranke Mutter ins Bett. Sie ist nun 15 Jahre alt. Vor mehr als 3 Jahren hatte sie ihren Vater so plötzlich verloren. Seit dem half sie ihrer Mutter im Haushalt, so gut sie es eben konnte. Es stand eben auch nicht gut um sie.
Lillemor und ihre Mutter leben in einem kleinen roten Holzhaus am Rande eines Dorfes das „Storeby“ heisst. Geschwister oder sonstige Verwandte hatte sie keine.
Storeby hat 278 Einwohner und liegt an der zerklüfteten Nordseeküste Norwegens, in der Nähe und nördlich von Stavanger. Der kleine Ort lebte überwiegend vom Fischfang und der Fischindustrie und es gibt auch eine kleine Konserven-Fabrik, unten am Hafen, wo der Grossteil des Fisches verarbeitet wird und somit auch die meisten der Einwohner ihren Arbeitsplatz haben.
Die Ortschaft selbst liegt am Ende eines schmalen Fjordes. Von hier aus bis zum Ufer des Meeres ist es etwas über 1 km. Es ist eine Küste mit zahllosen vorgelagerten Inseln, die hier „Sjaeren“ genannt werden.

Nur 2 Häuser weiter wohnt Odmund. Der geht mit Lillemor in dieselbe Schulklasse und so mancher seiner ausgefallenen Streiche, die im Dorf für Verwirrung gesorgt hatten, gingen auf sein Konto. Meist machte er gemeinsame Sache mit seinem engsten Vertrauten und Freund Kjelt, der unten am Hafen, im Haus seiner Eltern wohnte und der Sohn eines verarmten, aber trinkfesten Hilfsfischers war. Kjelt und Odmund machten sich des Öfteren über Lillemor lustig, weil sie nie draussen mit den anderen Jugendlichen unterwegs war und immer gleich von der Schule nach Hause ging und im Haus der Mutter verschwand. Eines Tages, als Odmund und Kjelt sich mal wieder gemeinsam unten am Hafen herumtrieben und die Idee hatten, am Boots-Schuppen vom Fischer Ole Janson ein paar Seile zu klauen, ging dieses Vorhaben jedoch vollkommen in die Hose.
Ole hatte die beiden schon längst gesehen und sich hinter der Holztür mit einer Latte auf die Lauer gelegt. In dem Moment, als Odmund nach dem einen und Kjelt nach dem anderen Seil griffen, sprang Ole, wie Blitz und Donner, hinter der Tür hervor und haute ihnen mit der Latte ordentlich auf die klauenden Hände und auch noch sonst wo hin, wo die Latte gerade ihr Ziel finden konnte.
Odmund und Kjelt liefen jammernd vor Schreck und Schmerzen davon. Und nach einiger Entfernung verkrochen sie sich hinter dem Lagerschuppen des Bootsbauers Svensson und leckten ihre Wunden. – Aber schon nach einer Weile hatte Odmund eine neue Idee und Kjelt hörte aufmerksam zu. „Lass uns eine Flaschenpost ins Meer werfen. In diese Flaschenpost stecken wir dann einen Brief von Lillemor!“ „Lillemor, häää,“ fragte Kjelt kopfschüttelnd, „wieso von Lillemor?“ – „Na die lebt doch wie Dornröschen im verwunschenen Schloss.“ – „Und, was soll das alles?“, fragte Kjelt vollkommen verständnislos. „Na, wir werden diese Flaschenpost dann mit einer Nachricht versehen, worin sie ihren Märchenprinz zu sich ruft, um sie wach zu küssen!“. „Ha, ha, haa!“, Kjelt schlug sich vor Lachen auf die Schenkel, so was hatte es noch nie gegeben und vielleicht findet ja der alte runzelige Dorf-Kauz Peterson die Nachricht und klingelt an ihrer Tür, um sie dann endlich wach zu küssen!“ – Und so schritten sie zur Tat. Am selben Nachmittag wurde die Flaschenpost von Odmund und Kjelt, am Ufer der Nordsee, dort wo der Leuchtturm stand, dem Meer übergeben und sie beobachteten, wie diese hinaus in die offene See trieb. Ein breites Grinsen zog über ihre Gesichter, als sie sich wieder auf den Weg zurück zum Dorf machten.

Es war noch am selben Abend. Lillemor legte noch etwa Feuer-Holz für die Nacht auf und ging zu Bett, begleitet von einem komischen Gefühl im ihrem Bauch.
Als sie morgens erwachte, war es bereits hell. Die Mutter rief nach ihr und sie machte ein Frühstück und dann wurde es Zeit für sie in die Schule zu gehen. – Aber irgendwie war heute alles anders als sonst. In der Nacht hatte sie einen merkwürdigen Traum, von einem jungen Mann auf einem kleinen Fischerboot, der nach ihr rief!
Auch die sonst eher drückende Alltagsschwere war heute irgendwie leichter zu ertragen, warum auch immer.

Björn Nordquist war ein alter, sehr weiser Fischer, der immer am frühen Nachmittag im Hafen auf der einzigen Bank, vor dem Eingang der Fischereikooperative sass.
Björn war ein Mensch, der von allen Bewohnern dieses Ortes hoch geschätzt wurde, weil er immer und für jede Lebensbegebenheit einen guten, weisen Rat parat hatte. Und so entschloss sich Lillemor, im Wirbel ihrer Gefühlswelt, Björn aufzusuchen und ihn in dieser Sache um Rat zu fragen.
Sie erzählte ihm von diesem Traum, aber Björn kraulte nur nervös durch seinen alten grauen Seebären-Bart, bis er schliesslich sagte: „Schau Lillemor, was Träume uns mitteilen wollen, erfahren wir oft erst viel später, aber eines weiss ich sicher, sie haben doch immer eine besondere Botschaft.“ Sichtlich verwirrt und nachdenklich bedankte sie sich freundlich bei Björn und ging. Sie wusste eigentlich nicht wirklich warum, aber nachdem sie ihre Mutter ins Bett gebracht hatte, stand sie noch lange am Fenster, schaute hinaus und schaute eher etwas in Gedanken versunken hin zum blinkenden Leuchtturm. Aber wonach sie schaute, dass wusste sie selbst nicht. Sie stand einfach nur da und schaute hinaus. Dann ging sie schliesslich, mit einem wohlig warmen Gefühl in ihrem Herzen, zu Bett.

Die Jahre vergingen, ohne dass sich für sie etwas in ihrem Leben verändert hätte. Sie lebte weiter, sie funktionierte weiter, tat dass, was ihre jungen Schultern an Last und Verantwortung tragen konnte. Tag ein, Tag aus…

Es ereignete sich 3 Jahre später und 500 km westlich von Storeby, auf einem kleinen Fischkutter. An dieser Küste Schottlands, genauer gesagt auf der Orkney Insel, lebt der junge Pat Stevens. Er betreibt hier zusammen mit seinem Vater schon seit früher Jugend diesen Fischkutter. Pat zieht das Fischernetz, mit dem kleinen Ladekran des Bootes an Deck und sortiert den Fang in die entsprechend vorbereiteten Behälter. Das Meer ist heute sehr unruhig und die Arbeit fordert all seine Kräfte und Konzentration. Da sieht er eine Flasche, die sich im Netz zwischen den Fischen befindet.
Er ist gerade im Begriff diesen „Beifang“ wieder über Bord zu werfen, als er wahrnimmt, dass sich in der Flasche ein Zettel befindet. So deponierte er die Flasche zunächst sicher in einer Holzkiste und arbeitete dann weiter.
Wieder im Hafen zurück, zeigt er seinem Vater diesen ungewöhnlichen Fund und dieser ermutigt ihn sogleich, mit ihm zusammen, dieses mysteriöse Geheimnis zu lüften.
„Wir müssen in die Fischereiverwaltung, ich weiss dort gibt es Seekarten, auch von der norwegischen Küste. Vielleicht finden wir den Ort Storeby dort!“, sagte der Vater zu Pat und beide machten sich direkt auf den Weg dorthin.

Und,… tatsächlich im Archiv der Fischereiverwaltung wurden sie schliesslich fündig. Der kleine Ort war wirklich in der See- und Fischereikarte eingezeichnet. – Und in Pat reifte augenblicklich der Entschluss dort hin zu reisen und dieses sonderbare Wesen zu finden. Aber mit dem Fischkutter des Vaters war es nicht möglich. Das war viel zu gefährlich. Es musste also eine andere Möglichkeit geben.
„Storeby, Storeby,… es war für ihn fast wie ein Orakel und eine Prophezeiung gleichermassen.
Und je mehr Pat darüber nachdachte, umso fester wurde sein Entschluss.

Einige Tage später band er seinen Rucksack auf den Rücken und verliess das Haus. Mit dem Linienschiff, das hier die Region einmal in der Woche anfuhr, sollte es zur Hafenstadt „Rockwell“ gehen und von dort aus mit dem Zug an die Ostküste Englands. 6 Tage würde die Reise mit Eisenbahn, Schiff und Autobus gehen, dann sollte er, aller Voraussicht nach, endlich in diesem mysteriösen „Storeby“ eintreffen. Und für einen jungen Mann, der zuvor nie den Heimatort verlassen hatte, sollte es schon eine rechte Lebensherausforderung bedeuten und ein grosses Abenteuer gleichermassen.

Die Reise verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ein LKW-Fahrer, den er in Stavanger traf und der zufällig in Storeby Konserven abzuholen hatte, nahm ihn auf den letzten Kilometern Küstenstrasse mit.
Pat war aufgeregt und auch irgendwie glücklich gleichermassen und da der Fahrer etwas englisch sprach, konnte er diesen ein wenig über seinen Zielort ausfragen, ohne aber den wirklichen Grund seiner Unternehmung preis zu geben.
Es war schon dunkel, als sie am Ziel ankamen. Der LKW-Fahrer besorgte ihm auch noch eine Unterkunft für die Nacht, aber Pat war viel zu aufgeregt, als das er in dieser Nacht hätte schlafen konnte. – Irgendwo da draussen, in diesem Dorf, musste sie jetzt sein.
Als der Morgen erwachte, überkamen ihn Zweifel, wie konnte er überhaupt sicher sein, dass diese Lillemor überhaupt noch hier leben würde? War das Ganze vielleicht ein grosser Irrtum, oder hatte er sich auf eine Illusion eingelassen? – Aber der Entschluss, dieses Abenteuer zum Abschluss zu bringen, egal was auch immer damit verknüpft war, verlieh ihm abermals eine zielstrebige, motivierende Lebensenergie und auch genug Mut. Mit jedem Meter, auf sein Ziel zu, wurde dafür aber sein Herzklopfen stärker.

Da war er nun, schluckte noch einmal und zog schliesslich mutig an dem Griff, der die Hausglocke erschallen lies. Als sich die Eingangstür einen Moment später öffnete, sah Pat in ein junges, hellblaues Augenpaar, welches ihn verwirrt ansah. Kommentarlos zog Pat den Zettel aus der Flaschenpost aus seiner Hosentasche, entfaltete ihn und hielt ihn Lillemor hin. Das Augenpaar fixierte wie gebannt diese Information und noch im Augenblick einer Sekunde schoss es ihr wie ein Blitz durch das Bewusstsein, dass sie vor über 3 Jahren diesen komischen Traum gehabt und auch, dass sich dieser Traum in den vergangenen Jahren noch mehrmals wiederholt hatte. Die Verblüffung stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber einen Moment später überkam sie abermals dieses besondere wohlige Gefühl. – War das jetzt wirklich wahr?
Pat brachte mit gedrückter Stimme ein freundliches „Hallo I am Pat!“, heraus.
Lillemor war vollkommen ratlos und handlungsunfähig zugleich. Pat, der mit dieser Situation ebenfalls überfordert war, wollte sich gerade wieder verabschieden und enttäuscht gehen, da rief im Hintergrund die Mutter nach ihr.

Lillemor zog geistesgegenwärtig Pat am Jackenärmel ins Haus und wies ihm mit einer Geste einen Stuhl in der kleinen Küche zu, dann verschwand sie im Zimmer der Mutter.

Da sass er nun. Im Ofen knisterte das Holzfeuer und verbreitete eine angenehme Wärme im Raum. Nach einer Weile kam Lillemor wieder aus dem Zimmer und setzte sich zu Pat an den Küchentisch. Die Kommunikation gestaltete sich zunächst etwas schwierig, weil Lillemor nur sehr wenig englische Sprachkenntnisse hatte und Pat kein Norwegisch verstand. Aber schlussendlich gelang es doch. Lillemor erklärte ihm, wie sie hier lebte und wie ihr Alltag aussah. Pat sah dabei in ihre wunderschönen, hellblauen Augen und gleichsam erkannte er ihre tiefe Erschöpfung und die hohe Verantwortung, die auf ihren jungen Frauenschultern lastete.

Als Pat nach einigen Stunden das Haus von Lillemor wieder verlies, versprach er ihr wieder zu kommen. Und so kam Pat jeden Tag zurück und half Lillemor sogar bei der Pflege der Mutter.

Odmund, dem diese Ereignisse nicht entgangen war, glaubte seinen Augen nicht, als er immer wieder sah, wie dieser Fremde täglich in das Haus von Lillemor zurückkam. Auch Kjelt war sprachlos. Sollte das der Prinz sein, den sie damals mit der Flaschenpost herbeilocken wollten? Von wegen der runzelige Dorf-Kauz Peterson, der sie eigentlich wachküssen sollte. In ihnen stieg der blanke Neid auf. Sollte „Dornröschen“ wirklich von diesem Prinzen wachgeküsst worden sein?

Die Zeit verging. Draussen lag nun Schnee und es war seit Tagen frostig kalt.
Eines Morgens standen Pat und Lillemor wie erstarrt vor Lillemors Mutter, sie war über Nacht friedlich eingeschlafen.
Pat nahm Lillemor fest in seine Arme und drückte sie an sich und gleichzeitig nahm sie wahr, dass damit nun auch eine riesige Last von ihr genommen wurde. – Pat aber war nun ganz fest entschlossen seine hier gefundene Liebe „heimzuführen“ und ihr ein neues Zuhause zu geben. Und ohne auch nur einen kleinen Augenblick zu zögern, willigte Lillemor ein und entschloss sich mit ihm zu gehen.
Und so geschah es. Pat half Lillemor bei der Auflösung des Hausstandes und beim Verkauf des Elternhauses und kurz darauf bestiegen sie den Linienbus und reisten motiviert, glücklich und erfüllt in ihre gemeinsame Zukunft.

Als Odmund und Kjelt dies, mit bleichen, ungläubigen Gesichtern sahen, entschlossen sie sich umgehend auch je eine Flaschenpost herzustellen. Sie wollten nun unbedingt auch eine Traumprinzessin finden. So standen Odmund und Kjelt kurz darauf am Ufer der Nordsee, beim blinkenden Leuchtturm und warfen ihre Flaschenpost erwartungsvoll und voller Hoffnung in die dunkle, weite Nordsee hinaus. Der Leuchtturm aber stand einfach da, mit seinem monotonen Blinkfeuer. Er hatte schliesslich andere Aufgaben, als sich um Prinzen und Prinzessinnen zu kümmern und um Flaschenpost.

Lillemor wurde von Pats Eltern liebevoll empfangen und sie gaben auch ihr Bestes, damit sie sich in der neuen Heimat zuhause fühlen konnte. Manchmal dachte Lillemor aber an „Storeby“. Und dann drückte sie ihren Pat noch fester an sich und ihre verbindende Liebe wärmte ihre Herzen.

Und eines Tages, es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Pats Mutter hatte einen herrlich duftenden Kuchen gebacken und im ganzen Haus roch es nach Zimt und warmem Kräutertee und es war rundum kuschelig und gemütlich, als es wieder Nacht wurde.
Draussen tobte der stürmische Westwind und der Regen trieb wieder einmal fast waagerecht über diese raue Küstenregion.
Es war an diesem Abend nicht nur der kürzeste Tag des Jahres, es war auch, auf eine andere Weise, ein besonderer Tag. Denn,… ziemlich genau 9 Monate später kam ihr gemeinsamer Sohn „Sammy“ zur Welt.

Ja, so bringt diese ferne Insel-Welt, genau wie hier am Ufer dieses wundervollen „Schwäbischen Meeres“, ihren eigenen Lebens-Rhythmus zum Ausdruck. – Jahr ein, Jahr aus, Generation, um Generation, mit länger werdende und kürzer werdenden Tagen.

Und einmal mehr, genau hier an den Gestaden des Bodensees, fernab der Küsten dieser Orkney Insel, in diesem Fischerverein, wo wir nun gemeinsam die Wiederkehr des Lichts schon zum 9. Mal in Folge feiern und wo auch ich schliesslich, seit nunmehr fast 10 Jahren meine neue, wunderbare Heimat gefunden habe, bedanke ich mich aus tiefstem Herzen dafür, dass ihr gekommen seid. Ich wünsche Euch allen, auch im Namen des Fischervereins, freudvolle, länger werdende Tage, eine frohe und festliche Weihnacht und ein glückliches, erfüllendes neues Jahr.

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