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Die Schicksalswende

Robert Lüttin -
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Als Hans die Treppe hinunterging und die Ausgangstür öffnete, fiel sein Blick auf den See, der an diesem trüben Wintermorgen ruhig und glatt vor ihm lag. Möwen sassen am Ufer und auf den Mauern der Hafenmole, – scheinbar gelangweilt und mit leicht aufgeplusterten Gefieder. Hans beachtete sie kaum und ging einfach weiter bis zum Ende der Hafenmole und setzte sich dort auf eine Bank.
Er hatte soeben von seinem Arzt erfahren, wie es nun um ihn stand und das war alles andere als motivierend. – Er war gewiss keiner, der vorschnell aufgab, wenn das Leben ihm eine entsprechende Heraus-forderung präsentierte, nein gewiss nicht!

Als er vor mehr als 15 Jahren, kurz nach dem Ende des schrecklichen Krieges, das Geschäft von seinem sterbenden Vater übernahm, hatte er keine andere Wahl. Er musste nach vorn schauen und alles was er bis dato konnte in die Waagschale werfen. Und es hatte sich gelohnt. Die Firma stand auf einer soliden finanziellen Basis und es ging stetig weiter bergauf. Darauf war er gewiss stolz, – aber nun dies?
Und dabei hatte er sich noch so viel vorgenommen, wenn er in 5 Jahren die Firma in jüngere Hände ab-geben wollte. Ja, dann wollte er endlich reisen und all die Dinge tun, für die er bislang immer keine Zeit gehabt hatte. Ihm wurde auf einmal ganz schwindlig, als er dachte, dass dies nun vielleicht nicht mehr möglich werden konnte.
Und wie immer, wenn Hans vor besonders schwierigen Lebens-Herausforderungen stand, ging er auf sein Segelboot und mit ihm hinaus auf den See. Die Ruhe und die sanften Bewegungen des Schiffes tauchten seine Gedanken jedes Mal in mehr Klarheit und Wahrnehmung.
Der Wind war leicht, aber kontinuierlich, als er die Segel setzte und so nahm das Schiff seine Fahrt auf. Kurs West-Südwest lag an und er machte es sich in der Plicht gemütlich.
Nach einer Stunde zog leichter Nebel auf und der Wind wechselte auf Süd und wurde böiger. Eigentlich hatte seine innere Stimme ihm dazu geraten schleunigst umzukehren und den nächsten Hafen anzulau-fen. Aber er wollte einfach nur hier auf dem See sein und was sollte schon passieren? – Nach einer wei-teren Weile trieb der leicht, böige Wind dicke Nebelschwaden über das Wasser. Die Orientierung wurde immer schwieriger.
Als der Nebel einen Moment die Sicht nach Süden freigab, sah er, dass er sich schon viel zu dicht am Schweizer Ufer befand. Aber wo genau konnte er nicht ausmachen.
In diesem Moment gab es einen harten Schlag und das Schiff stoppte abrupt seine Fahrt. Hans verlor den Halt und schlug mit seiner Brust jäh gegen die Kante seiner Eingangsluke. Der Schmerz war unerträglich und es kam ihm vor, als ob ihm ein Messer zwischen die Rippen gestossen wurde. Dann fiel er zu Boden und verlor die Besinnung.

Eine Frau, die am Ufer mit ihrem Hund unterwegs war, wurde Augenzeugin dieses Vorfalles, markierte geistesgegenwärtig die Stelle des Ufers mit einigen Steinen, die sie auf den Wegrand legte und eilte zurück ins Dorf. Sie lief direkt zum Haus des Fischers Christian und klopfte heftig an die Tür. Als dieser öffnete sah er in Mariannes blasses Gesicht und sagte nur: “Marianne, um Gottes Willen, was ist den passiert?“ – Marianne, noch sichtlich ausser Atem, keuchte nur: „Christian, da draussen ist ein Schiff auf Grund gelaufen und ich habe gesehen wie der Skipper zu Boden fiel und liegen blieb!“ – „Ja, wo denn, um alles in der Welt?“, fragte Christian vollkommen überrumpelt – „Komm schnell mit, ich zeige Dir die Stelle, beeile Dich!“
Christian und Marianne liefen so schnell sie konnten zu der Stelle, wo die Steine als Markierungen lagen. Jedoch zwischenzeitlich herrschte dichter Nebel, sie konnten einfach nichts mehr sehen. Christian rief mit vorgehaltenen Händen in die Richtung, wo er den Havaristen vermutete, doch es blieb ruhig. – 20 Minuten später bestieg Christian mit Marianne sein Fischerboot. „Leinen los!“, rief er Marianne zu und dann setzte sich das offene Boot in Bewegung. Vorsichtig tasteten sie sich in die Richtung vor, wo sie das Schiff vermuteten. Der Nebel war immer noch recht dicht, aber Christian hatte einen enorm gu-ten Orientierungssinn, und so fanden sie schliesslich das auf Grund gelaufene Schiff.

Das Segelboot lag mit 30° Schlagseite und mit dem Ballastkiel im Ufer-Schlick fest. Dann sahen sie den Skipper in der Plicht liegen, er war immer noch bewusstlos.
Christian machte sein Schiff am Havaristen fest und stieg über. Marianne wartete an Bord. „Er lebt!“, rief er Marianne zu, „wir müssen ihn auf mein Schiff umladen, komm hilf mir mal!“ – Und so geschah es!

Es war fast 3 Stunden später, als Hans in der Klinik zum ersten Mal wieder seine Augen öffnete. Um sei-nen Brustkorb war eine riesige Bandage. Der Schmerz war immer noch unerträglich und jeder Atemzug verstärkte das Schmerzempfinden in das schier Unerträgliche. – „Er ist wach!“, sagte die Schwester zu Christian und Marianne, die vor dem Krankenzimmer gewartet hatten. „Gehen sie ruhig zu ihm rein!“
Christian und Marianne sahen in zwei vollkommen orientierungslose Augen. Hans fragte mit leiser Stimme: „Was ist denn passiert, wer seid ihr?“ – Marianne erklärte Hans was sich zugetragen hatte. Hans sah ihr dabei tief in die Augen. Und er spürte noch sehr klar, dass er diese Augen irgendwo her kannte und dann fiel er augenblicklich wieder in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Als er Stunden später wiedererwachte, verblassten die Traumbilder aus einem Jugendlager, in dem er vor mehr als 30 Jahren gewesen war. Er hatte damals ein Mädchen kennen gelernt und für ihn war es die grosse erste Liebe gewesen. Sie verbrachten viele schöne gemeinsame Tage zusammen. Es war eine wunderbare Zeit, aber eines Morgens war sie nicht mehr da. Abgereist, hiess es damals.
Es war jene Zeit, als Europa auf einen grossen Krieg zusteuerte und er vermutete, dass die plötzliche Abreise irgendeinen politischen Hintergrund haben musste. Hans fühlte augenblicklich in seinem Herzen eine tiefe und schwere Trauer, die sich auch in allen weiteren Lebensjahren nie ausgeheilt hatte. – Der stechende Schmerz in seiner Brust katapultierte ihn allerdings schnell wieder in seine Situationsrea-lität zurück und die letzten Fragmente des Traumes lösten sich endgültig auf.

Draussen trieben Schneeschauer am Fenster vorbei, als Hans am warmen Tee nippte. Fast 3 Wochen war er nun hier und heute Morgen sollte er entlassen werden. Seine Brust schmerzte ihn ab und zu im-mer noch, aber die gebrochenen Rippen waren gut verwachsen und heilten, zur grossen Zufriedenheit des behandelnden Arztes, zügig aus.
Nach einer letzten Routineuntersuchung nahm Hans seine Sachen und ging zum Ausgang der Klinik. Vor dem Ausgang stand eine Frau. Als er näher kam sah er, dass es die Frau war, die am Tag seiner Havarie zusammen mit einem Mann an seinem Krankenbett gestanden hatte.
Als er auf sie zuging sagte sie: „Komm Hans ich möchte Dir etwas zeigen!“ Hans, der so überrascht war, dass er kein Wort herausbrachte, folgte der Frau mit erstauntem Gesichtsausdruck. Draussen wartete ein Auto, in das beide einstiegen und davonfuhren. Nach 10 Minuten bog der Wagen von der Haupt-strasse ab und fuhr in Richtung See. Vor einem kleinen Hafen hielt der Wagen an. Da lag sein Schiff am Steg und seine Freude liessen einige Tränen die Wangen hinunterlaufen. Dann fragte er die Frau: „Wer bist Du und wie kommt mein Schiff hierher?“ –
„Als wir uns damals im Krankenzimmer sahen, hatte ich das Gefühl, dass ich Dich kannte“, erwiderte die Frau. „Ich habe daraufhin Erkundigungen über Dich eingeholt. Nun weiss ich wer Du bist!“ – „Ja und wer bin ich?“, fragte Hans mit ungläubigen Augen. – „Es war in jenem Sommer, als wir gemeinsam im Som-merlager waren. Ich bin das Mädchen von damals!“ –
Hans schaute wieder in diese Augen und da war es ihm klargeworden. Die Erinnerungen überrollten ihn wie eine Lawine und aus seinen Augen rollten dicke Tränen der Freude. Einen Moment zögerte er noch, aber dann nahm er sie ganz fest in seine Arme und schluchzte nur noch: „Marianne, oh mein Gott, wie ist das nur möglich“, und er nahm sie noch fester in seine Arme und schwor sich, bei allem was ihm hei-lig war, sie nie wieder loszulassen! –
Einen Moment später bestiegen sie zusammen sein Schiff und Hans fuhr mit ihr hinaus auf den See. Es war eine kalte Biese und unter prall gefüllten Segeln legte sich das Schiff leicht auf die Seite und nahm zügig Fahrt auf.

Nach einer Weile erzählte Marianne Hans von damals, als die Eltern, mit jüdischer Abstammung, das Land fluchtartig verlassen mussten. In jener Nacht kamen ihre Eltern und nahmen Marianne heimlich mit. Und so landete sie schliesslich mit ihrer Familie in der Schweiz, wo sie sicher bei Verwandten unter-kamen und den Krieg überlebten.
Die Biese trieb das Schiff durch das leicht wellige Wasser des Bodensees. Es war zwar kalt, aber Hans und Marianne war so warm uns Herz, dass sie die Kälte des Windes nicht wahrnahmen. Sie sassen eng-umschlungen in der Plicht des Schiffes und waren einfach nur unendlich dankbar und erfüllt.
Für einen Moment öffnete sich die Wolkendecke und die Wintersonne schien in ihr Gesicht. „Wie schön sie doch ist“, dachte Hans bei sich. Marianne sah ihm dabei tief in die Augen und genoss sichtlich seine nie erloschene Liebe. „Wohin bringst Du mich?“, fragte Marianne mit starkem Herzklopfen –
„Na zu mir und endlich nach Hause, es wird aller höchste Zeit!“, antwortete er nur lächelnd und küsste sie liebevoll. –
„Weisst Du eigentlich was für einen Tag wir heute haben?“, fragte Marianne daraufhin mit verschmitz-tem Gesichtsausdruck. – „Keine Ahnung“, antwortete Hans nur zufrieden und erfüllt. „Na, heute ist doch Wintersonnenwende und ich denke es ist der beste Tag für einen gemeinsamen Neuanfang.“ „Und die Tage werden ja nun auch wieder immer länger!“. –
Hans drückte sie noch fester an sich und genoss dieses intensive Glücksgefühl.
„Ja, heute ist wahrhaftig der allerbeste Tag für einen Neuanfang!“, lachte Hans, freudestrahlend, über das ganze Gesicht.

Um es gleich vorweg zu nehmen. – Hans entschloss sich genau in diesem Moment sein Lebensschiff in ein ganz anderes Lebensfahrwasser zu lenken. So fand er recht schnell einen würdigen und motivierten Nachfolger für seine Firma. Und der Entschluss die Firma in andere Hände zu übergeben fiel ihm nun auch überhaupt nicht mehr schwer… Er hatte nur noch einen Wunsch: Das Leben in jeder Sekunde bis in alle Tiefen auszukosten und zu geniessen. Und das tat er auch, gemeinsam und Seite an Seite mit seiner Marianne!

Als Hans 8 Wochen später wieder bei seinem Arzt zur Routine-Untersuchung war, sah Hans in ein völlig fassungsloses Arztgesicht: „Ich verstehe nun gar nichts mehr und es tut mir leid, aber es ist mir ein uner-klärbares Rätsel.“ „Herr Doktor, was ist denn los?“, fragte Hans ganz erschrocken. Aber der Arzt schaute ihn nur mit vollkommen bleichem Gesicht an und sagte kopfschüttelnd: „Ich verstehe es wirklich nicht, aber ich finde diesen Tumor nicht mehr!“ – In seiner Verzweiflung und Ratlosigkeit ordnete er eine wei-tere Röntgenaufnahme an. Aber auch die brachte kein anderes Ergebnis hervor.
Der Mediziner war fassungslos vor Erstaunen und dies umso mehr, weil der Tumor verschwunden war, ohne jegliche Medikamente und die sonst üblichen Therapieverfahren, die Hans von vornherein strikt abgelehnt hatte.

„Ja…“, sagte Hans zu dem vollkommen perplexen, sprachlosen Spezialisten, „…es gibt halt Therapien, die nicht unbedingt auf einer chemisch-pharmazeutischen Basis beruhen und trotzdem sehr erfolgreich heilen.“ – Der Arzt aber schüttelte nur verwirrt den Kopf, winkte schliesslich ab, verabschiedete sich und verliess irgendetwas vor sich hin grummelnd das Untersuchungszimmer. Hans zog sich wieder an und ging hinaus.

Draussen wartete bereits Marianne. Und als sie Hans sah, rannte sie ihm entgegen und sprang wie ein kleines glückliches Mädchen in seine Arme. – „Er ist weg!“, sagte Hans ganz ruhig, und Marianne weinte vor Glück und Freude. „Ja“, schluchzte Marianne nur, „er ist weg!“

Sie verliessen gemeinsam das Arztgebäude und Ihr Blick fiel auf den See, der an diesem trüben Winter-morgen ruhig und glatt vor ihnen lag. Möwen sassen am Ufer und auf den Mauern der Hafenmole, – scheinbar gelangweilt und mit leicht aufgeplusterten Gefieder. Hans und Marianne beachtete sie kaum und gingen einfach weiter, ja direkt weiter, weiter in eine Zukunft die nun weit und breit vor Ihnen lag, wie dieser wunderschöne See.
Am Steg wartete auch schon das Segelboot. Und wie immer, wenn Hans und Marianne sich besonders glücklich und verbunden fühlten, gingen sie auf das Segelboot und mit ihm hinaus auf den See. Die Ruhe und die sanften Bewegungen des Schiffes liessen sie das Leben mit jedem Pulsschlag intensiv und erfül-lend wahrnehmen. Und in der Ferne glänzte der schneebedeckte Säntis in der Wintersonne.
Und der Wind wehte leicht, aber kontinuierlich, als er die Segel setzte und so nahm das Schiff seine Fahrt auf. Kurs West-Südwest lag an und als der Wind in die Segel einstieg, sassen sie eng umschlungen in der Plicht am Heck des Schiffes. Hans die Pinne fest in der Hand und Marianne ihren Hans ganz fest in den Armen. Nun, offensichtlich braucht es wirklich nicht viel im Leben, um gesund und glücklich zu sein, oder?

Der 21.12. war von Stunde an dem Tag ihres Neubeginns und für Hans gleichwohl auch der Tag seiner Wiedergeburt. Und das sollte auch für alle Zeiten so bleiben.

Ja und vielleicht schaut ihr das nächste Mal, am Tag der Wintersonnenwende, einfach mal hinaus auf den See. Es könnte ja sein, das wieder genau an diesem Tag da draussen ein altes Segelschiff seine Bah-nen durch das Wasser zieht. – Auch, wenn sonst niemand da draussen ist.
Und es wäre doch durchaus denkbar, dass Hans und Marianne, auf diesem alten Segelboot wieder zu-sammen unterwegs sind. – Irgendwo da draussen. Zufrieden, glücklich und vollkommenen im Einklang mit dieser Welt, mit Ihrer Welt.

Na denn, – in diesem Sinne, – Schiff ahoi!

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