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Die Wintersonnenwende

Robert Lüttin -
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Sie trafen sich am Eingang eines Waldstücks vor der Eisenbahnbrücke, die im 2. Weltkrieg zerstört und nun langsam von der Natur überwuchert wurde. Zwischen den Betontrümmern, die einst die beiden Fluss-Ufer verbanden, drücken sich die eilenden Wasser dieses Heideflusses hindurch. Das einstige Flussbett hat sich geschickt um die dicken Trümmer herum neuformiert und hier und da stehen rostige Stahlbewährungen wie Stacheln in die Luft. Die Bäume um diese alte Legende herum sind mittlerweile zu mächtigen Gebilden gewachsen, stehen dicht an dicht und sind mit ihren Wurzeln tief im aufgeschütteten Gleiskörper verankert. An einigen Stellen hat der Regen über die Jahrzehnte tiefe Rinnen herausgespült und der helle feine Sand, der hier der Natur zu eigen ist, zeichnet diese Rinnen deutlich von der anderen moosbedeckten Waldoberfläche ab.

Es ist kurz vor halb Vier und im Südwesten verschwindet die Wintersonne indem sie die rauen Baumstämme und die Gräser am Ufer noch einmal kurz in ein wunderschönes weinrotes Licht taucht. In wenigen Minuten beginnt die Dämmerung und mit dem verschiessen der Autotüren begrüssen sich zwei alte Freunde, die sich bereits eine Ewigkeit kennen. Jeder trägt nun auf dem Rücken seinen Rucksack und dann kann es losgehen. Hannes und Kuddel, sind zwei Männer, die gemeinsam schon viel erlebt haben und heute haben sie sich hier getroffen, weil heute ein besonderer Tag ist, für sie beide.

Ein schmaler Trampelpfad führt entlang des Flusses direkt zur Brückenruine. Und zwischen den überwucherten Betonresten gibt es einen schmalen Durchlass, der auf den Pfad hinter der Brücke führt. Die Geräusche des fliessenden Wassers reflektieren an den Betonfragmenten und der Wiederhall erzeugt eine besondere Stimmung. Hier fährt schon lange kein Zug mehr. Dereinst befand sich hinter dem gegenüberliegenden Ufer eine Munitionsfabrik mit unendlich vielen unterirdischen Leitungen, die die Fabrikationsorte mit einem Flüssigsprengstoff versorgt haben. Hannes, der hier in der Gegend aufgewachsen ist, erklärt Kuddel, dass bereits seit Jahren eine Spezialeinheit von Sprengstoffexperten die alten Leitungen ausfindig macht und die immer noch darin befindlichen Sprengstoffreste unschädlich machen soll. Unglaublich denkt Kuddel, der Krieg ist ja nun schon über 30 Jahre zu Ende und immer noch müssen Spezialeinheiten unter Einsatz ihres Lebens die Überreste suchen, bergen und beseitigen. Nun ist auch erklärbar, warum gegenüber ein hoher Metall-Zaun mit aufgesetztem Natodraht zu sehen ist. Es ist einfach zu gefährlich sich auf diesem Gelände aufzuhalten.

Hannes und Kuddel gehen weiter am Ufer entlang und nach einer Weile kommen sie an eine Stelle, wo eine 15 Meter hohe steile Böschung im Flusslauf endet. Der Fluss macht hier eine Rechtkurve und der Pfad ist hier zu Ende. Mittlerweile ist es dunkel geworden, aber die Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnen konnten, sorgen für die richtige Orientierung. Im Osten scheint der Mond aufzugehen, denn die feinen Schleierwolken am Himmel, die die Sicht zum unendlichen Sternenhimmel wie mit einem zarten Vorhang verdecken, erleuchten in einem matt-silbernen Glanz.

Hannes und Kuddel machen es sich am Ufer vor der Böschung bequem und während Hannes einige Steine zusammenlegt, sammelt Kuddel geeignetes Feuerholz aus dem Umfeld zusammen. Auch ein Dreibein aus armdicken Ästen wird aufgestellt und mit einer Kette zusammengebunden. Nach einer halben Stunde brannte ein wärmendes Feuer und am aufgestellten Dreibein hing ein Topf mit einer kräftigen Suppe. Kuddel hatte ein feines frisches Brot mitgebracht, schnitt nun dicke Scheiben davon ab und legt sie auf einen mitgebrachten Teller. Hannes rührte im Suppentopf, der nun bereits kräftig dampfte und einen angenehmen Geruch verbreitete. „Na Hannes, ist doch wie in den guten alten Zeiten, einfach nur schön gemütlich und stimmig hier draussen am Fluss.“ „Ja so ist es“ und Hannes lachte über das ganze Gesicht und seine strahlenden Augen spiegelten das flackernde Licht des Feuers wieder. – Nachdem sie sich beide die Bäuche vollgeschlagen hatten, wurde der Topf im Fluss ausgewaschen. Hannes zauberte nun zwei Flaschen Glühwein aus dem Rucksack und Kuddel hängte derweilen den gesäuberten Topf wieder an die Kette des Dreibeins. Würdevoll schüttete Hannes den Inhalt der ersten Flasche in den Topf und Kuddel legte noch einige Holzstücke auf, damit die richtige Wärme den wertvollen „Saft“ erwärmen konnte. Dann wurde auch noch die zweite „Buddel“ eingefüllt und Kuddel rieb sich vor Freude die Hände. – Jeder hatte sich ausserdem eine „übergrosse“ Kaffeetasse mitgebracht. Die wurden jetzt ebenfalls aus den Rücksäcken hervorgeholt und Kuddel grinste über beide Ohren und sagte zu Hannes: „So und nu rate mal, was ich noch mitgebracht habe?“. Hannes starrte wie gebannt auf Kuddels Hand, die sich in seinem Rucksack vergrub, um etwas heraus zu fischen. „Tatatataaaa!“, …..ertönte es von Kuddel und hielt eine Buddel „Hansen Rum“ in die Luft. – „Auhauaha“, rief Hannes und riebt sich die Stirn. „Da ist der Abend ja gerettet!“ – „Ja, das ist er“, konterte Kuddel, öffnete die Flasche und schüttete den gesamten Inhalt in den dampfenden Topf. – „So“, sagte Kuddel lachend „nun noch mal kräftig umrühren und dann her mit den Tassen.“

Der hochprozentige Dampf, der aus dem Topf entwicht, vermischte sich mit dem Rauch des Feuers. Das verbreitete schlagartig eine mystische Stimmung und erwärmte die Herzen der beiden Freunde gleichermassen. Der erste Schluck aus den Tassen rann wärmend und wohlschmeckend durch die Kehlen und landet im Magen, wo er sofort mit der zuvor gegessenen Suppe eine Symbiose einging. Tiefe Zufriedenheit breitete sich unversehens zwischen den Freunden aus und Kuddel erinnerte an eine Episode aus Afrika, wo sie in diesem Sommer gemeinsam gearbeitet hatten. Auch in Hannes stiegen nun die Bilder der Erinnerung auf und mit jeder Tasse, wurden die Erinnerungen deutlicher und lebendiger. – Ja, in diesem Jahr hatten sie einiges gemeinsam erlebt. Zunächst waren sie in Ostafrika und hatten gemeinsam eine kleine Firma saniert und repariert und dann später im Herbst hatten sie einige Tage im herbstlichen Norwegen gejagt und gefischt. Und sie waren überhaupt viel zusammen gewesen, hatten viel gemeinsam erlebt in diesem Jahr und das hatte die Freundschaft noch um einiges intensiviert.

Ja und heute war ein besonderer Tag und den wollten sie gemeinsam feiern. Es war der kürzeste Tag im Jahr. Die Wintersonnenwende.
Sie wollten diese Tradition, von der sie auf der Norwegenreise erfahren hatten und wo sie gefeiert wurde, nun auch bei sich im Norden Deutschlands feiern. Und dazu hatten sie sich diese magische Stelle am Fluss ausgesucht, die sie allerdings von ihren früheren Kanuwanderungen her schon kannten.

Ja es war wirklich ein besonderer Tag, denn es war auch der Tag des Abschieds. Morgen würden sich ihre gemeinsamen Wege für eine unbestimmte Zeit trennen. – Hannes hatte auf einem Stückgutfrachter angeheuert und würde die nächsten 2-3 Jahre in der Welt der Seefahrt unterwegs sein. Kuddel hatte einen mehrjährigen Arbeitsvertrag mit einer ausländischen Firma abgeschlossen, die ihn für ein Projekt in Südamerika verpflichtet hatte. – Aber morgen war morgen und so sassen Hannes und Kuddel noch sehr lange am Fluss in dieser Nacht. Der Mond verzauberte den Fluss in ein silbernes Band das irgendwo am Horizont in einen anderen Fluss mündete. Träge und behäbig erschien der Fluss in dieser längsten Nacht des Jahres. Aber die Freunde wurden nicht müde sich gegenseitig ihre Geschichten und Erinnerungen zu erzählen und mit jeder Tasse dieser „geistigen Essenz“ wurden die Geschichten noch lebendiger und noch viel bunter. Es war eine tolle Nacht, es war eine lebendige Nacht und es war die Nacht nordischer, keltischer und anderer Kultkreise, die diesen Tag feierten. Aber es war aber auch die „Kultnacht“ unserer beiden Freunde Hannes und Kuddel, die hiermit ihre eigene Wintersonnenwende-Geschichte geschrieben hatten. Und scheinbar hatte der Fluss auch seine Freude daran, denn er leuchtete und strahlte die ganze Nacht im Silberglanz des Mondes. Und der Feuerschein, der in den glücklichen Gesichtern von Hannes und Kuddel flackerte, gesellte sich gelegentlich zum Leuchten des Flusses, wenn die Flammen etwas höherschlugen und die Funken in den Nachthimmel emporstiegen. Und als der Morgen graute, verabschiedeten sich Hannes und Kuddel. Müde, aber glücklich, heiter und zufrieden. Und sie versprachen sich gegenseitig an diesen Ort zurück zu kehren und die Wintersonnenwende abermals würdig zu feiern. Und nach einer herzlichen und langen Umarmung trennten sich ihre Wege.
Und wie das Leben manchmal so spielt sollten sie sich eigentlich nie wieder sehen …

Aber halt, was wäre unsere Wintersonnenwende, die auch rituell die Wiedergeburt der Sonne repräsentieren soll, die somit auch ein Fest der Freude ist, ohne einen kleinen Nachtrag des Schicksals.

Dieses Schicksal nämlich hatte ein Einsehen mit Hannes und Kuddel. Denn, kaum zu glauben, nach 30 Jahren sind sie sich, an einem Freitag vor dem ersten Advent, im Jahre 2008, in einem Kaufhaus in einer norddeutschen Stadt, wieder begegnet. Haben sich auf Anhieb wiedererkannt und sind sich grölend, wie zwei Wikinger im Siegestaumel, in die Arme gefallen. Und das mitten im Geschäft und zum Erstaunen all der anderen Kunden und ihrer perplexen Frauen. Ja, – das war wahrlich eine grosse Freude.

Und Hannes und Kuddel liessen ihre Frauen, Frauen sein, machten sich selbstständig und kauften sofort zusammen die Zutaten für eine kräftige Suppe, ja und sie kauften eine ordentliche Portion Glühwein und… na, was wohl noch?????

Richtig, … eine „Buddel“ Rum! (in norddeutschen Fachkreisen auch „Frostschutz“ genannt)…

Und selbstverständlich haben sie sich zur Wintersonnenwende am Fluss getroffen und gefeiert, wie damals vor 30 Jahren. Und das flackernde Licht des Feuers und der silbern glänzende Fluss spiegelten sich in zwei glücklichen, mittlerweile runzeligen Gesichtern wieder und das graue Haar ward ihnen licht und dünn geworden. Aber gefeiert haben sie trotzdem, wie einst und bis zum Morgengrauen.

Und so wäre diese Geschichte der Wintersonnenwende nun zu Ende. Und wie bei allen Geschichten, die das Leben schreibt, ist ein Teil „Wahrheit“ darin und auch ein Teil „Phantasie“. Aber das sind ja auch zwei gute Freunde, oder?

Und so erhebe ich mit Euch nun den Becher und trinke auf das wiederkehrende Licht und die länger werdende Tage, auf das Wohl dieses Vereins und auf alle Freunde der Fischerzunft, die hier versammelt sind, aber auch auf diejenigen, die heute nicht dabei sein können. Und ich trinke auf das Wohl von Hannes und Kuddel und was glaubt Ihr wohl wo die wohl heute sind???

Einen herzlichen Dank auch an Heinz und Vreni, die im Hintergrund das Vereinslokal hergerichtet und geschmückt haben.
Es lebe die Wintersonnenwende, es leben dieser Verein, – auf unser Wohl und auf unsere Gesundheit. – PROOOOST!

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