Der böige Nordwestwind drückt die mit Schaumkronen bedeckten Wellen des Wattenmeeres in die Fahrrinne, die in einen kleinen Krabbenkutterhafen hineinführt. An den Fahnenmasten klappern die Seile und der Wind pfeift durch die Wanten der Schiffsmasten. Möwen segeln ihre Bahnen, es riecht nach Salzwasser, Meer und dem brackigen Schlamm der Ebbe. Nur in den Prielen, das sind die bei Niedrigwasser verbliebenen Wasserläufe, zieht der Ebbestrom hinaus aufs offene Meer. Aber schon bald, wenn die Flut einsetzt, wird genau dieses Wasser vom Meer zurückkehren. – Es ist ein Schauspiel, das sich seit ewigen Zeiten und 2x am Tag wiederholt.
Chrischan, er ist der Eigner des Krabbenkutters „Marianne“, packt zu Hause seinen Proviant in seinen Rucksack und verabschiedet sich von seiner Frau und den beiden Kindern. Er will mit der einsetzenden Flut auslaufen und mit seinem Schiff vor den Robbenbänken fischen. 10 – 12 Stunden wird er mit seiner 2-köpfigen Mannschaft draussen im Wattenmeer, mit seinen Schleppnetzen, Krabben fischen. Aber vorher muss das Schiff noch zum Auslaufen startklar gemacht werden. Reine Routinearbeit – versteht sich.
Szenenwechsel:
Mathias packt stinkesauer seine Schulsachen zusammen, als die Pausenklingel ertönt. Die Mathematikstunde hat ihn wie üblich genervt, aber die gerade überstandene Geschichtsstunde hat ihm den Rest gegeben. Er hat sich schon oft genug gefragt, was denn die ganze Schulquälerei, und dann noch mit so uninteressanten Themen wie der 30-jährige Krieg oder die nervige Bruchrechnerei für einen Lebenssinn ergeben soll. Schule ist doof und auf seine Mitschüler kann er auch getrost verzichten, die haben ja doch nur Mädchen und Angeben im Sinn.
Einmal in der Pause hat er von seinem letztjährigen Ferienerlebnis und der Begegnung mit einem Krabbenfischer erzählt. Aber das hat niemanden interessiert und so stand er schliesslich völlig allein auf dem Schulhof. – Dabei war es ein Erlebnis, dass er nie wieder vergessen sollte: Er war damals mit seinem Vater an der Nordsee und da hat er beobachtet, wie die Krabbenkutter draussen im Wattenmeer mit Ihren Schleppnetzen fischten. Und als sie in den Hafen zurückkamen, hatten Sie volle Körbe mit rotbraunen Krabben mitgebracht. Sein Vater, ging zu einem Boot, das gerade angelegt hatte, – es hiess „Marianne“ und kaufte beim Fischer eine Tüte dieser Krabben. Dann hat er Mathias gezeigt, wie man diese Krabben „nackig“ macht, damit man sie überhaupt essen konnte. Mathias war begeistert und während Vater und Sohn die rotbraunen Meeresfrüchte assen, beobachteten sie die Mannschaft der Marianne, die mit Aufräum- und Säuberungsarbeiten beschäftigt war.
Die Krabben wurden von einem kleinen Kühlfahrzeug abgeholt, das sie zur Weiterverarbeitung in die Sortier- und Filteranlage in der nächstgrösseren Hafenstadt brachte. Ja, das hat ihm alles sein Vater erklärt. – Das „Krabbenpulen“ an sich war eine reine Geschicklichkeitsfrage, aber der Nachteil war, dass man dabei eher hungriger wurde, als satter.
Chrischan ging von Bord und wollte nach Hause. Als er jedoch die Krabbengeniesser sah, kam er auf Mathias und seinen Vater zu und fragte lachend: „Naaaa, schmecken Euch die Dinger?“ – Mathias nickte voller Zufriedenheit und strahlte den erfahrenen Seemann von oben bis unten an.
Der Fischer überlegte einen kleinen Moment und fragte: „Wollt ihr Beiden mal meinen Krabbenkutter anschauen?“ – Mathias und sein Vater nickten völlig überrascht. „Ja, gerne“, antwortete der Vater schliesslich und so folgten sie dem freundlichen Fischer erwartungsvoll mit auf sein Schiff.
Der Seemann erklärte ihnen alles, was es auf dem Krabbenkutter zu sehen gab. Die Netze und den Kessel in dem die Krabben im Meerwasser gekocht wurden und dadurch ihre rotbraune Farbe bekamen. Sie besichtigten auch den Kühlraum im Bauch des Schiffes, wo die gekochten Krabben bis zum Anlanden zwischengelagert wurden.
Interessantes gab es auch im Führerhaus zu sehen. Den Steuerstand, die Gerätschaften und Instrumente, die benötigt wurden, um das Schiff sicher zu navigieren und die Wassertiefe anzuzeigen. Im Motorenraum sahen sie den 200PS starken Schiffsdiesel, mit dem das Schiff bis auf 8 Knoten Fahrt beschleunigt werden konnte. An Deck bewunderten sie die Seilwinden und Ausleger, mit denen die Netze ausgebracht und wieder eingeholt werden konnten.
Mathias war nun 14 Jahre alt und ein Junge in diesem Alter macht sich natürlich über seine berufliche Zukunft durchaus erste ernsthafte Gedanken. „Das ist es“, dachte Mathias und als die Drei schliesslich nach der Besichtigung wieder am Kai standen, nahm sich der Junge ein Herz und fragte den Fischer: „Könnte ich auch Krabbenfischer werden?“ – Von dieser Frage sichtlich überrascht, gab dieser zur Antwort: „Ja mein Junge, dass könntest Du auch!“ und beobachtete dabei Mathias Vater, der über die Frage seines Filius wenig begeistert war. – „Dann will ich auch ein Krabbenfischer werden!“, sagte Mathias aus tiefster Überzeugung und lachte dabei vor Begeisterung über das ganze Gesicht.
Mathias spürte sehr genau, dass der Vater wohl andere Pläne mit ihm vorhatte und so wurde dieses berufliche Thema an diesem Tag und auch später mit keiner weiteren Silbe erwähnt. Chrischan aber nickte verständnisvoll und blinzelte ihm heimlich und lachend zu.
Szenewechsel:
Und nun, auf dem Nachhauseweg von der Schule, dachte er immerzu an dieses Ferienerlebnis und in ihm reifte der Entschluss, kurzfristig Schule – Schule sein zu lassen und ans Meer zu verreisen. – Nur, wie sollte er das machen? Er hatte zu wenig Geld, um mit der Bahn zu reisen und mit dem Fahrrad wäre es viel zu weit. Da fiel ihm ein, dass der ältere Nachbarjunge immer per Autostopp verreiste und da ihn diese Art zu verreisen schon immer interessiert hatte, sah er kurzerhand darin die Lösung des Problems. Heimlich packte er seinen Rucksack und versteckte ihn im Garten. Als am anderen Morgen seine Mutter in sein Zimmer kam, um ihn wie üblich zu wecken, war er bereits aufgestanden und fertig angezogen. – Nach dem Frühstück nahm er seine Schulsachen und verabschiedete sich. Der Mutter fiel sein verändertes Verhalten zwar auf, aber sie verwarf ihre Zweifel und kümmerte sich lieber um ihren Haushalt.
Mathias ging zum Versteck, wo der Rucksack schon auf ihn wartete, stellte an seiner Stelle seine Schulsachen ab und begab sich direkt zur Hauptstrasse. Kurz vor dem Ortsausgang, stellte er sich in Position und hob, wie er es vom Nachbarjungen gezeigt bekam, seinen Daumen in die Höhe. Die Autos fuhren an ihm vorbei und nachdem er schon fast eine halbe Stunde, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, gewartet hatte, hielt ein Lastwagen an. Die Beifahrertür öffnete sich und der graubärtige Mann fragte mit rauer Stimme: „Wohin junger Mann?“ – Mathias sagte kurzerhand: „Ans Meer zum Krabbenkutter Marianne in „Hansersiel“ – „Nun, ich fahre zwar nicht nach Hansersiel, aber ich nehme Dich mit, bis zu einer Stadt von der aus eine direkte Strasse an Dein Ziel führt. Dann musst Du selbst sehen, wie Du weiter kommst.“ – „Alles klar, vielen Dank!“, antwortete Mathias dem brummigen Lastwagenfahrer und krabbelte auf den Beifahrersitz. Ja,… jetzt war er unterwegs zum Meer!
Nach einer kurzweiligen 2 ½ stündigen Fahrt kam der Abschied von Günter, so hiess der Fahrer. Mathias bedankte sich und ging geradewegs zur Strasse die nach Hansersiel abzweigte. Diesmal ging es schneller und schon das 3. Auto hielt an und setzte ihn direkt am Krabbenkutterhafen ab. – Mathias ging sofort auf die Marianne zu, aber da war niemand und so setzte er sich auf die Bank, auf der er damals mit dem Vater die Krabben gegessen hatte und wartete geduldig.
Szenenwechsel:
Chrischan parkte sein Auto auf dem Hafenparkplatz, nahm seine Sachen und ging zum Kutter. Mathias erkannte ihn sofort und gleichzeitig überkamen ihn erste Zweifel: „Was wäre wohl, wenn der Fischer ihn nicht mitnehmen, ihn wohlmöglich einfach zurückschicken, oder gar der Polizei übergeben würde?
Er spürte wie sein Herzschlag aufgeregter wurde und schliesslich stand er einfach auf und ging hinüber zum Schiff, wo Chrischan gerade an Bord gehen wollte.
„Hallo Chrischan“, kam es zögerlich aus Mathias Mund und der verdutzte Fischer sah ihn völlig entgeistert an, bis er ihn schliesslich erkannte und fragte: „Ja, sag mal, was um alles in der Welt machst Du denn hier?“ Die Wiedersehensfreude war so gross, als hätten sich zwei alte Bekannte nach vielen Jahren das erste Mal wieder getroffen. Und dann drückte Chrischan den Jungen an seine Brust, dass ihm fast die Luft wegblieb. – „Ich, ich bin hier um Krabbenfischer zu werden!“ „Du hast mir damals gesagt ich könne Krabbenfischer werden und deshalb bin ich nun hier hergekommen.“ – Chrischan hielt sich den Bauch vor Lachen und dann zwickte er sich selbst in die Arme um zu überprüfen, ob er das Ganze nicht träumte. Das Einzige, was Chrischan sagte konnte war nur: „Na, dann komm erstmal mit an Bord!“
Und so stieg Mathias an Bord und gleichzeitig fiel ihm eine rieeesige Last von seinem Herzen. Ja, er hatte es geschafft, nun endlich konnte er Krabbenfischer werden. – Im Führerhaus stellte Mathias seinen Rucksack ab und Chrischan gab ihm Arbeitskleidung, die zwar viel zu gross war, aber mit entsprechenden hochgekrempelten Hosenbeinen und unter Zuhilfenahme von Klebeband dem Krabbenfischer Mathias sogleich angepasst wurden. – Mathias strahlte über das ganze Gesicht vor Stolz und Glück und als die restliche Mannschaft an Bord gekommen war, wurde er ihnen sofort als neues Besatzungsmitglied vorgestellt.
Mit der einsetzenden Flut legte die Marianne ab und fuhr über die schmale Fahrrinne hinaus zu den Robbenbänken. Mathias durfte den Kutter sogar steuern und Chrischan legte ihm seine Hände auf die Schulter und gab ihm die notwendigen Instruktionen, um das Schiff sicher auf Kurs zu halten. Mathias konnte sein Glück fast nicht glauben, aber er packte es und hielt es fest mit beiden Händen, so wie das hölzerne Steuerrad der Marianne. – Chrischan war begeistert und tief berührt über so viel Zielstrebigkeit und Motivation. Das wollte er auf jeden Fall unterstützen. Aber vorher musste wohl noch einiges in Ordnung gebracht werden, denn ihm war sofort klar, dass der junge Abenteurer nur von zu Hause durchgebrannt sein konnte.
Über das Bordtelefon nahm er Kontakt mit Mathias Eltern auf und man einigte sich über das weitere Vorgehen in diesem Abenteuer.
Mathias bekam davon wenig mit. Er hatte schliesslich als Steuermann die volle Verantwortung den spitzen Bug der Marianne exakt in der Mitte der Fahrrinne zu halten. – Dann ging es ans Krabbenfischen und Mathias arbeitete tapfer und fast bis zur Erschöpfung mit. Nach fast 8 Stunden Netze einholen, Krabben abkochen, in Kisten verladen und in den Kühlraum einsortieren, war er körperlich am Ende. Chrischan holte ihn in das Führerhaus, baute ihm aus Netzen und Decken eine provisorische Koje und liess ihn ausruhen. Aber schon nach 10 min war Mathias tief und fest eingeschlafen. Er erwachte erst wieder, als die Marianne im Hafen festmachte und die Krabben entladen wurden. Chrischan nahm ihn mit zu sich nach Hause, wo er den Rest der Nacht und auch noch den halben Vormittag weiterschlafen konnte.
Zum Frühstück bekam Mathias eine grosse Portion Krabben-Omelette. Na, fragte Chrischan den hungrigen Jungfischer, „hast Du nun genug vom Krabbenfischen?“ – Mathias sah Chrischan mit ernster Miene an und gab zur Antwort: „Ich will Krabbenfischer werden und zwar auf der Marianne!“ Und dann schob er sich einen ordentlichen Bissen von diesem herrlichen Krabben-Omelett in die Backen, als gäbe es nichts Köstlicheres auf dieser Welt. – „Gut mein Junge“, sagte Chrischan schliesslich, „ich rede nachher mit Deinen Eltern. Und ich verspreche Dir, wenn Du Deine Schule brav beendest und dann immer noch Berufsfischer werden willst, kannst Du bei mir auf der Marianne als Berufsfischer-Lehrling anheuern. Abgemacht?“, und mit einem kräftigen Händedruck wurde nicht nur dieses Versprechen besiegelt, sondern auch der Beginn einer neuen nie endenden Freundschaft. – Der Abschied tat weh, aber Mathias war, trotz der Tatsache, dass es nun doch noch etwas dauern sollte, so glücklich wie es ein Junge in seinem Alter nur sein konnte. Und dieses Glücksgefühl hat ihm schliesslich geholfen die doofe Schule zu einem brauchbaren Abschluss zu bringen.
Szenenwechsel:
Es ist der 21. Dezember, der Tag der Freisprechung. Auf der Bühne der Festhalle stehen 12 junge Männer in Reih und Glied. Unten in der ersten Reihe sitzen auch Mathias Eltern, Chrischan und die übrige Mannschaft der Marianne. – Der Festredner ruft Mathias Namen auf und unter dem heftigen Beifall der Zuschauer, nimmt er sein Abschlusszeugnis und seinen Gesellenbrief, – als Lehrgangsbester -, in Empfang. Den Eltern ist der Stolz auf den Sohnemann anzusehen. Und Chrischan nickt lachend mit dem Kopf und zwinkert ihm heimlich zu, wie damals am Kai. Mathias hatte es geschafft, er hatte sein Ziel erreicht. Und wie man sich denken kann, wurde das anschliessend noch sehr ausgiebig und der rauen Witterung entsprechend, mit einigen steifen Grogs gefeiert. – Und so wurden die Tage wieder länger und schliesslich kam der Sommer.
Szenewechsel:
Die Morgendämmerung verspricht einen schönen Sommertag. Die Marianne liegt am Kai, im Hafen von Hansersiel. An Bord machen zwei treue Freunde, Chrischan und Mathias, das Schiff zum Auslaufen klar. Reine Routinearbeit – versteht sich. – Möwen segeln ihre Bahnen, es riecht nach Salzwasser, Meer und dem brackigen Schlamm der Ebbe. Nur in den Prielen zieht der Ebbstrom hinaus aufs offene Meer. Aber schon bald, wenn die Flut einsetzt, wird genau dieses Wasser vom Meer zurückkehren. So wie seit ewigen Zeiten und wie immer 2x am Tag.
Liebe Gäste und liebe Vereinsmitglieder, ich bedanke mich fürs Zuhören und dass Ihr heute Abend so zahlreich zu diesem Wintersonnenwende-Fest gekommen seid. Der Fischerverein Güttingen und auch ich, wünschen Euch allen schöne Festtage und für 2015 alles Gute. Auf Euer Wohl und noch einen schönen Aufenthalt hier im Vereinslokal des Fischervereins Güttingen.
Ein besonderer Dank geht auch an alle Helfer und die Hüttenwartschaft, die zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben.