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Es war einmal in einem kleinen Dorf in Schweden, weit ab von den grossen Städten etwas nördlich des Polarkreises. Nur Wälder und Seen gibt es hier und die nächste grössere Verkehrsstrasse liegt fast 10 km westlich dieses kleinen Ortes.

14 Familien leben hier von der Rentierzucht und der Holzwirtschaft. Um einzukaufen muss man mit dem Auto, oder mit dem Motorschlitten fast 2 Stunden fahren. Der Postbote kommt sogar nur einmal in der Woche im Winter manchmal gar nicht.

Von Anfang Oktober bis Ende Mai sind die schier endlosen Seeflächen von einer dicken Eis- und Schneeschicht überzogen und bieten für die Motorschlitten eine optimale Verkehrsinfrastruktur. Und der Sommer, der hier erst Mitte Juni beginnt ist bereits Ende August schon wieder vorbei. Dafür wird es in dieser Zeit jedoch nie dunkel und die Sonne bleibt sogar zur Mitternachtsstunde über dem Nordhorizont eine zuverlässige Lichtquelle.

Hier in diesem nordschwedischen Dorf, wo es im Winter genauso lange dunkel ist, wie im Sommer hell, pflegt man sehr die Tradition des Eisfischens. Hecht, Zander, aber auch Barsch sind hier geschätzte Beutetiere und bieten immer eine willkommene kulinarische Abwechslung zu Elch- und Rentierfleisch.

Schon im Kindesalter begleiten die Jungs ihre Väter, anders als die Mädchen, die, so die Ansicht der „Männer“ doch besser bei ihren Müttern aufgehoben sind.

Britta und Hanne sind zwei 13-jährige Freudinnen, die sich schon lange darüber ärgerten, dass diese Tradition bisher nur den Männern vorbehalten blieb.

Ihre diplomatischen Versuche hier eine Männerdomäne auch für sich zu erobern, stiess bisher nur auf Ablehnung. Ausserdem, so wird immer wieder gesagt, stören die Mädels ja doch nur, weil sie ja immer kichern müssen und selten still sein können.

Es war einige Tage vor der Wintersonnenwende, als sich die Väter mit Ihren Söhnen wieder einmal zum Eisangeln davonmachten. Als Britta und Hanne wieder nicht mitdurften, entschlossen sie sich es dieser eingebildeten intoleranten Männerwelt endlich einmal zu zeigen.

Am 21.12., am Tag der Wintersonnenwende, wird im Dorf ein grosses Gemeinschaftsfest gefeiert und alle Dorfbewohner beteiligen sich an den Vorbereitungen.

Dieser Tag schien Britta und Hanne ideal. Da ihre Eltern mit den Vorbereitungen für das Fest eingebunden waren, war die Gelegenheit günstig, diesen Paukenschlag gegen das „Patriarchat“ in angemessener Weise stattfinden zu lassen.

Sie wollten sich mit den Angelausrüstungen ihrer Väter auf den Weg zum See machen und dort ihr uneingeschränktes Anglerglück in Erscheinung treten lassen.

Die Mädels klatschten sich vor Freude in die Hände und besiegelten ihr Vorhaben mit dem heiligen Schwur: „Hoch lebe die Tradition der Fraueneisfischer.“

Das war übrigens der Beginn der Emanzipation am Polarkreis!

Und so kam es wie es kommen sollte.

Britta und Hanne trafen sich zur Mittagszeit, weil dann ganz sicher alle Erwachsenen im Dorfgemeinschaftshaus beschäftigt waren.

Im Elternhaus von Hanne kam Britta schliesslich mit dem Alukoffer an, in dem der Vater alles wichtige Angelzubehör aufbewahrte. Die kurze Angel mit der Automatikrolle hatte sie sich um die Schultern gehängt. Die Schlepperei des Alukoffers dämpfte Brittas Motivation bereits etwas, aber es ging hier schliesslich um eine Traditionsrevolte und das verlangte nun einmal gewisse Opfer.

Hanne hatte auch schon alles zusammen getragen, was der Vater immer als Ausrüstung mitnahm. Sogar an den Eisbohrer hatte sie gedacht und nun sollte es endlich losgehen.

Ja, aber… da war ja noch ein ganzer Weg von mindestens 2 km vor ihnen und der Eisbohrer wog allein schon 7 kg, dachte Hanne. Sie konnten das doch unmöglich alles zu Fuss an den See schleppen.

Hanne dachte einen kurzen Moment nach bis sie lachte und schrie: „Hurra ich hab’s, wir nehmen den Motorschlitten“. „Bist Du verrückt“, erwiderte Britta, „weisst Du überhaupt wie Du damit fahren musst?“ –„Na klar“, lachte Hanne laut, „ich habe genau gesehen, wie der Vater den Motor startet und dann muss man nur noch Gas geben und bremsen. Das ist alles.“ – „Los Britta komm jetzt, das schaffen wir!“ Brittas Lachen war eher ein Ausdruck ihrer Bedenken. Aber da war Hanne schon durch die Verbindungstür in die Garage unterwegs, den Eisbohrer unter dem einen Arm und Vaters Alukoffer unter dem anderen. Britta folgte ihr, aber ihr war gar nicht wohl dabei. Die Ausrüstung wurde einfach im Gepäcknetz des Motorschlittens verstaut, dann konnte es losgehen. Hanne drehte den Zündschlüssel mutig nach rechts, die Kontrolllampen im Armaturenbrett leuchteten auf und dann noch ein Stück weiter, sodass zunächst der Anlasser und daraufhin der Motor willig seine Arbeit aufnahm.

„Britta, los steige auf und lass uns losfahren“, rief Hanne mit aufgeregter Stimme. „Hast Du auch genug Benzin im Tank?“, wandte Britta ein, als könne sie dadurch ihrem Schicksal im letzten Moment doch noch entgehen. „Keine Ahnung“, erwiderte Hanne, griff zielsicher nach dem Treibstoffkanister, der unweit vom Motorschlitten stand, warf ihn ins Gepäcknetz und hüpfte wieder auf das ratternde Gefährt.

Britta kletterte vorsichtig auf den Sozius und dann drehte Hanne den Gasgriff voll auf und das brummende Ungetüm setzte sich heulend in Bewegung. So ein Motorschlitten ist ja etwas „megageniales“, dachte Hanne noch bei sich, als die Gummibänder des Antriebs den Schnee nur so davon schleuderten. Fast hätte Hanne, vor lauter Begeisterung, den Pfosten der Eingangspforte umgefahren, aber mit einem beherzten Rechtsruck am Lenker konnte sie diese Kollision gerade noch vermeiden. Die nächste Kurve gelang ihr schon besser, sie war mächtig stolz auf sich. Und auch auf dem Rest des Weges, der immer leicht abwärts ging, streifte sie gar manchen Baum. Aber Hanne fühlte sich wie eine routinierte Schlittenpilotin und gab weiter beherzt Vollgas.

Britta hingegen hatte sich ängstlich an Hanne angekrallt. Aber Hanne juchzte vor Freude über ihre neu entdeckten Fähigkeiten und die Schneelawinen die von den gestreiften Bäumen herabrieselten, waren viel zu langsam, als dass sie die Beiden hätten treffen können.

Schliesslich kamen sie am Seeufer an und Hanne lenkte das Gefährt zielsicher auf das Eis. Gut 50 m vom Ufer entfernt, liess sie den Gasgriff erstmals wieder los und stellte den Motor ab.

Sie waren am Ziel und das ohne jegliche Schlepperei und Anstrengungen. Britta kletterte als erste vom Schlitten. Sie hatte wahrlich genug von diesem Abenteuer und mit zitternden Knien begann sie die Sachen aus dem Gepäcknetz heraus zu nehmen. Aluminiumkoffer, Reservetank, Angel. – Angel?? Wo war denn ihre Angel? Sie war nicht mehr im Gepäcknetz. Oh Graus… das war ja schrecklich, irgendwo unterwegs musste sie herausgefallen sein. So ein Mist, was würde nur ihr Vater sagen, wenn diese Angel nicht mehr da war.

Aber Hanne beruhigte Britta und sagte: „Ach was, mach Dir keine Sorgen wir werde sie wiederfinden, wenn wir zurückfahren, solange nehmen wir einfach meine. Wir werden auch mit einer Angel genug Fische fangen.“ – Für Britta war das aber wenig tröstend.

Hanne jedoch kümmerte sich nicht um die Sorgen ihrer Freundin. Sie hatte ihr erstes Erfolgserlebnis gerade gehabt und war voller Tatendrang nun auch die Sache mit dem Eisfischen anzupacken und es diesen dummen Kerlen endlich zu beweisen, wozu „Frauen“ fähig sind.

Sie schnappte sich den Eisbohrer und kurbelte auf der Eisfläche herum. Die knirschenden Eissplitter, die der Eisbohrer mit seiner Bohrspirale erzeugte, hatten durchaus Cocktailformat. Hanne drehte vorsichtig weiter, während Britta neugierig den mitgebrachten Alukoffer öffnete und orientierungslos vor der Fülle der darin aufbewahrten Utensilien stand. „Oh Gott, wozu war dass alles gut“, glitzernde bunte metallene „Blinker“, alle möglichen Sorten und Grössen von Harken, Schnüre, Blei, Posen, und vieles mehr wurde da dargeboten. „Hanne“, rief Britta verwirrt, „schau Dir das viele Zeugs bloss mal an, was müssen wir den davon für das Eisfischen benutzen?“

Hanne hatte indes gerade das Eis erfolgreich durchbohrt und aus dem Eisloch quoll nun das befreite Wasser, wie aus einer Quelle auf die Eisfläche. Als Hanne den Bohrer aus dem Eisloch ziehen wollte, blieb dieser unerwartet hängen und ihr rutschte der Handgriff aus den Händen. Aber noch bevor sie den Griff wieder packen konnte, wurde dieses Werkzeug wie von Geisterhand und zielsicher herabgezogen. Der Eisbohrer verschwand auf nimmer Wiedersehen im Bohrloch.

„Scheisse“, brüllte Hanne völlig gepestet in den kalten Wintertag – „so eine verdammte Scheisse“. Aber es war definitiv zu spät, um sich über dem Verbleib dieses Werkzeugs noch ernsthaft Gedanken zu machen.

So entschlossen sich die beiden Traditionsrevolutionärinnen gleichwohl ihre ganze Energie nun auf den Fischfang zu konzentrieren. Da sie nicht wussten, welche Köder für die Eisfischerei die richtigen waren, nahm Hanne einfach etwas aus dem vorliegenden Fundus und befestigten dieses „Etwas“ dann an die Angelschur und liess den Köder, Blinker oder, wie auch immer das Ding genannt wird, hoffnungsvoll durch das Loch im Eis in die kalten Fluten hinab. „Man muss Pilgern“, sagte sie zu Britta und bewegte dabei die Angelspitze immer wieder auf und ab.

Hanne „pilgerte“ und Britta? Sie stand daneben mit sorgenvollem Gesicht. Angel weg, Eisbohrer versenkt, oh Gott wie sollte das bloss weitergehen.

Da… Hanne merkt deutlich einen Ruck in der Schnur und drehte kräftig an der Kurbel der Rolle. „Ja, ich habe einen“, schrie sie zu Britta hinüber und da kam auch bei Britta eine Nuance von Freude in die eher versteinerte Gesichtsmimik. Als Hanne den Fisch aus dem Wasserloch zog kam die Ernüchterung stehenden Fusses. Es war ein Barsch, vielleicht ganze 8 cm lang und viel zu klein, um auch nur einer fischliebenden Katze eine Freude damit zu machen zu können.

„Egal, wir machen weiter.“ Hanne nahm diese spärliche Kreatur vom Haken und legten sie in den mitgebrachten Plastikbeutel und schon verschwand der Harken samt glitzerndem Beiwerk wieder in den kalten Fluten.

Hanne lies diesmal etwas mehr von der Schnur ab, in der Hoffnung in grösseren Tiefen könnten sich auch grössere Fische befinden. Aber das sollte sich als ein Irrtum mit besonderer Konsequenz herausstellen.

Als Hanne wieder mit dem „Pilgern“ beginnen wollte, merkte sie, dass der Angelhaken sich irgendwie auf dem Seegrund verhakt hatte. Sie zog und riss an der Angel, in der Hoffnung, dass sich der Haken eines Besseren besinnen würde und wieder freikäme. Aber stattdessen brach die Spitze der Angel ab und hing an einem Restbündel von eindrucksvollen GFK-Fasern, einfach nur so in der Gegend herum.

Da wurden die Blicke der beiden Mädels je starr und mit einem Mal wurde ihnen klar, dass diese Traditionsrevolution nun auf ernüchternde Art und Weise ein jähes Ende gefunden hatte.

Hanne kappte die Angelschur und legte das Fragment zusammen mit dem Alukoffer zurück ins Gepäcknetz. Vorsichtshalber kippte Hanne noch den Treibstoff aus dem Kanister in den Tank, damit sie wenigstens nicht auch noch wegen Benzinmangels stehen blieben. Mit hängenden Ohren ging es dann wieder zurück ins Dorf. Der Motor sprang willig an, qualmte jedoch mit jedem gefahrenen Meter immer heftiger und ging nach knapp 400 m wieder aus, nichts ging mehr. Und so mussten sie den ganzen restlichen Weg mit ihrem Gepäck doch noch heimlaufen. Es war einfach nur zum Heulen.

Nun, wie sich später herausstellte hatte Hanne den Dieselkanister erwischt und damit können benzingetriebene Motorschlitten leider definitiv gar nichts anfangen.

Ja, und wie sich wohl jeder denken kann, hatte diese Aktion natürlich ein Nachspiel. Aber, es war dann doch ein ganz anderes als man hätte erwarten können.

Es gab zwar ein kräftiges Donnerwetter, als beide heulend ihre Beichte ablegten und ihren Vätern den Motivationsgrund für diese Aktion erklärten. Mehr geschah aber erst mal nicht.

Als das Fest begann waren Britta und Hanne alles andere als in Festtagsstimmung. Ihre Väter hingegen steckten unübersehbar die Köpfe zusammen und schienen sich sicherlich darüber zu unterhalten, wie sie den Mädels einen ordentlichen Denkzettel verpassen konnten. Oh je…

Nach der Festeröffnung durch Hannes Vater, trat Brittas Vater auf die Bühne und verkündete den Anwesenden im Saal, dass sie nun etwas Wichtiges zu vermelden hätten. Gleichzeitig wurden auch Britta und Hanne auf die Bühne zitiert.

Die Beiden ahnten nichts Gutes und schlichen mit hängenden Ohren an den vermeintlichen Ort ihres Prangers.

Brittas Vater erklärte dann ausführlich was geschehen war und Hannes Vater nickte mit ernsthafter Miene dazu. Im Saal herrschte Totenstille.

Dann ergriff Hannes Vater das Wort und erklärte: aus diesem Grunde haben wir uns nun entschieden, die Tradition der Eisfischer ab sofort auch der weiblichen Zunft zugänglich zu machen. Und mehr noch, wir fordern euch anderen Eisfischer hiermit auf, es uns gleich zu tun.“

Britta und Hanne trauten ihren Ohren nicht. Kräftiges Gemurmel kam im Saal auf und schliesslich einigten sich auch die anderen Eisfischer darauf, dass es nicht schaden könnte, die Tradition nun zu ändern und um eine Zunft weiblicher Eisfischer zu erweitern. Und dann wurde kräftig gefeiert.

Ja, und so kamen Britta und Hanne doch noch zum gewünschten Erfolg ihrer Traditionsrevolte. Allerdings, wie ihr ja nun alle miterleben konntet, doch etwas anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Das war ihnen aber völlig egal, jetzt hatte sie wirklich allen Grund zum Feiern.

Und weil sich die Geschichte dieses eindrucksvollen Abenteuers schnell in ganz Lappland herumsprach, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es heute in allen Lapplandregionen weibliche Eisfischer gibt. Und, ihr mögt es mir glauben oder nicht, sie sind dabei zweifelsfrei genauso erfolgreich unterwegs, wie ihre männlichen Kollegen.

Ja, ihr lieben Vereins-Fischer und auch ihr lieben Gäste des heutigen Abends. Lasst uns nun zusammen anstossen und auf unser aller Wohl, auf die Eisfischer des hohen Nordens und natürlich auf die Wiederkehr des Lichts trinken.

Prosit und vielen Dank, dass ihr heute Abend gekommen seid, sowie an Heinz und Vreni als Hüttenwartschaft.

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