Das Taxi hielt genau vor dem Eingangsschild mit der Aufschrift „Fallen Anker“. Dahinter lag das 1-stöckige Backsteingebäude, mit weit heruntergezogenem Reetdach. Seine Sachen waren schon gestern gebracht worden. Er zahlte das Taxi und dann ging er in Richtung Eingang.
Hier war er nun und das sollte sein letztes Zuhause werden. Betreut, versorgt und mit 15 anderen „Alten“.
Heinrich Pipenbrink, so heisst er und er ist 77 Jahre alt. Seine Frau starb vor 5 Jahren und sein einziger Sohn lebt mit seiner Familie in Südamerika.
Am Eingang angekommen, wurde er sogleich von der Tages-Schwester begrüsst und danach in sein kleines Appartement begleitet. Als er aus dem Fenster schaute, sah er hinüber zum Deich und dem dahinterliegenden, unendlich weiten Meer. Die Möwen segelten ihre Bahnen und als er das Fenster öffnete, roch es nach Sommerwiesen und salzigem Meerwasser. Dann begann er seine Sachen in die Schränke und Kommoden einzuräumen und sich häuslich einzurichten. So verging die Zeit.
Heinrich Pipenbrink machte täglich seine, wie er es nannte, „Deichrunde“ und das bei jedem Wetter. So auch heute. Die letzten bunten Blätter der Birken im Garten trotzten noch dem stetigen Wind, der meistens von seewärts kam. Als er nun zurückkam, stand dort ein kleiner Lastwagen mit einigen Möbeln und Umzugskartons. „Aha“, dachte Heinrich, „jemand neues zieht ein“.
Als er später zum Abendessen in den Speisesaal kam, sah er am Fenster einen Mann sitzen, der gelangweilt hinaussah. Heinrich ging auf ihn zu, klopfte mit der Faust auf den Tisch und sagte: „Moin, Moin“.
Der erstaunte Mann drehte sich um und sah Heinrich ins Gesicht, als der sagte: „Willkommen, ich bin Heinrich Pipenbrink und wer bist Du?“
Heinrich kam dieses Gesicht irgendwie bekannt vor. Und auch sein Gegenüber machte ein nachdenkliches, in der Erinnerung grabendes Gesicht. – „Ich bin Jonni Petersen“. Heinrich nahm unaufgefordert ihm gegenüber Platz. „Ich glaube wir kennen uns“, sagte Heinrich. „Bist Du nicht der Jonni, der früher mal in der Bahnhofstrasse gewohnt hat?“ – „Das stimmt aufs Haar“, antwortete Jonni und Heinrichs Gesicht strahlte vor Freude und Überraschung. „Mensch Jonni, weisst Du denn nicht mehr wer ich bin?“ – Jonni überlegte einen Moment und sagte schliesslich: „aber klar doch, wie könnte ich Dich vergessen haben. Wir haben doch als Jungs dem Leuchtturmwärter seine Aalreusen geplündert und in der Schule haben sie uns dafür den Hintern versohlt.“ – „Ja, genau“, lachte Heinrich, „aber das hat uns nicht davon abgehalten, wir haben uns einfach nicht mehr erwischen lassen.“ – „Natürlich nicht“, lachte Jonni herzhaft über das ganze Gesicht. „Mensch Heinrich, das ist ja man so locker über 60 Jahre her!!“
Und dann liessen Heinrich und Jonni lauthals die alten Zeiten wiederaufleben und eine Lachsalve löste die nächste ab. Kaum zu glauben, aber dies war der Wiederbeginn einer uralten Freundschaft, die, wie wir später noch erfahren sollen, in all den Jahren nichts an gemeinsamer Lebendigkeit und Lebensfreude eingebüsst hatte.
Zum besseren Verständnis sein noch erwähnt, dass Jonni im Alter von 15 Jahren mit seinen Eltern ins benachbarte Ausland umgezogen ist und so verloren sie sich aus den Augen.
Die Tage flogen nur so dahin, aber Heinrich und Jonni vergassen Zeit und Raum, gingen täglich zusammen auf „Deichrunde“ und abends nach dem Abendessen verschwanden die beiden oft in eines ihrer Zimmer und liessen, bei einem steifen Grog, ihre alten Erinnerungen an die vielen „Lausbubenstreiche“ aufleben.
Sie hatten es einfach nur gut miteinander und die beiläufigen Bemerkungen seitens der Heimleitung, sie mögen sich doch bitte ihrem Alter entsprechend verhalten, schlugen sie ungeachtet in den „See-Wind“.
„Im Gegenteil“, sagte Jonni einmal, „was heisst hier eigentlich alt?“ „Ja, genau“, sagte Heinrich, „was meint der überhaupt mit alt?“ – „Jonni, ich habe da eine Idee und denen werden wir es schon zeigen, von wegen „alt“! – Jonni klopfte sich vor Freude auf die Oberschenkel und die Leute im Speisesaal schauen sich einmal mehr nur mitleidig nach ihnen um. – „Heinrich, egal was Du für eine Idee hast, ich mach mit!“. Und als sie sich nach dem Abendessen wieder zurückzogen, wurde Jonni auch sogleich in Heinrichs Idee eingeweiht.
Zwei Tage später standen zwei „Alte“, gutgelaunte Menschen an der Bushaltestelle. Von hier aus fuhren sie in die Stadt zu einem Geschäft, das Heinrich aus seiner aktiven Berufszeit her kannte.
Der Geschäftsführer, auch schon an die 70 Jahre alt, hiess „Paule“ und stand immer noch jeden Tag hinter seinem geliebten Ladentisch.
Paule handelte seit ewigen Zeiten mit allerlei Werkzeugen, Metallwaren, Farben und was sonst noch Handwerker brauchten. – Hatte ein Kunde besondere Wünsche, so hatte Paule die Dinge im Handumdrehen besorgt. Dafür schätze man ihn.
Heinrich und Jonni betraten also nun den Laden und die uralte Ladenglocke bimmelte, so wie sie es immer schon getan hatte. – Paule kam aus dem Lager und freute sich sichtlich überrascht Heinrich wieder zu sehen.
„Mensch Heinrich, Du?“ – „Jaaa, hallo lieber Paule, schau mal, das ist Jonni“, sagte Heinrich, „kannst Du Dich noch an ihn erinnern? – Und Paule überlegte kurz, nickte mit dem Kopf und bemerkte nur: „ Ja, ja ihr beiden habt es damals mächtig faustdick hinter den Ohren gehabt. Wie könnte ich das nur vergessen haben!“
Die drei Männer verschwanden in Paules Büro und Heinrich erzählte Paule von seinem Vorhaben. „Paules“ Augen begannen dabei wie Sterne zu funkeln und er lachte über das ganze Gesicht, als die Drei sich wieder verabschiedeten und sagte: „also dann… bis in 14 Tagen!!“.
Auf dem Rückweg besuchten sie noch den ehemaligen Feuerwehrhauptmann Karl Keller und trafen mit ihm eine Vereinbarung, die für ihr Vorhaben von äusserster Wichtigkeit war.
Als die zwei alternden Lausbuben anschliessend im Bus auf dem Rückweg waren, stand in ihren Gesichtern der Schalk und die Zufriedenheit gleichermassen.
Schlussendlich war der Tag gekommen. Draussen war es nun stockdunkel und von See her wehte ein leichter, nasskalter Wind. Es war der 21.12., der Tag der längsten Nacht, „Ihrer“ Nacht!
Heinrich und Jonni waren schon den ganzen Tag etwas aufgeregt, aber als die Nacht hereinbrach wurde ihre Spannung immer grösser. Es war nun fast 23 Uhr. Die Heimbewohner waren bereits im Bett und schliefen. Heinrich und Jonni beobachteten wie Paule mit 2 Helfern draussen im Garten einige Kisten deponierte. Anschliessend positionierten sie Gegenstände aus diesen Kisten an verschiedenen Plätzen. Heinrich und Jonni sahen derweil aus dem Fenster zu und warteten auf das Zeichen. Dann war es endlich soweit, nun konnte es losgehen.
Sie öffneten vorsichtig die Zimmertür und schlichen leise den Flur entlang und über die Hintertür gelangten sie schliesslich in den Garten. – Im Büro und in der Wohnung des Heimleiters war das Licht bereits erloschen, – der war also auch schon im Bett!!
Paule war aufgeregt wie ein Schuljunge, als Heinrich und Jonni bei ihm ankamen. – Alle gingen in Position und Heinrich gab das Zeichen. Dann zündeten alle gleichzeitig eine Zündschnur nach der andern an.
Und schliesslich gingen die Kracher, Raketen und die bengalischen Fackeln und Feuerräder los. Es war ein Lärm wie zu Kriegszeiten bei einem Bombenangriff.
Als erstes ging das Licht in der Wohnung der Heimleitung an, dann waren plötzlich alle Fenster des Heimes hell erleuchtet.
Die 5 Feuerwerker arbeiteten mit einer unglaublichen Synchronität und das Feuerwerk nahm uneingeschränkt seinen Lauf. Die Heimleitung rief die Feuerwehr und die Polizei an, aber die waren durch Kalle Keller bereits informiert und blieben da wo sie waren. – Indes kamen Anwohner herbeigeeilt und schrien vor Begeisterung „Hurra ein Feuerwerk!“.
Der Heimleiter stand zwischenzeitlich an der Hintertür und schrie auch, – allerdings: „Hört endlich auf mit dem Blödsinn, ihr verdammten alten Spinner!“ – Heinrich aber lachte Jonni zu und schrie ihm entgegen: „was heisst hier eigentlich schon wieder „alt“ und zündete eine Rakete an, hielt sie in Richtung Heimleiter, sodass diese haarscharf an dessen Kopf vorbeiflog. Der Heimleiter rettete sich sogleich mit einem Hechtsprung in das angrenzende Gebüsch. Das dieses Gebüsch ein Rosenstrauch war, konnte der Flüchtende erst zur Kenntnis nehmen, als er bereits drin lag.
Indes ging der Spuk unvermindert weiter. Noch eine Serie Raketen, noch eine Serie der Chinakracher, Knallfrösche, drehende Feuerräder und vieles mehr, – die Luft bebte und der Rauch zog in dicken Schwaden Richtung Stadt.
Heinrich und Jonni waren wieder jung und vollends in ihrem Element. Aber auch Paule und die beiden jungen Helfer befanden sich in einem totalen Rauschzustand.
Und schliesslich, – nach fast 30 Minuten, war der Spuk vorbei. Der Rauch verzog sich, die Zuschauer klatschten laut und lange Beifall und waren immer noch ganz aus dem Häuschen über diese tolle Ereignis im Altenheim.
Ja, – welch ein Finale.
Der Heimleiter krabbelte unterdessen aus seinem Rosenbusch und befand sich in einer Art Schockzustand. Es sollte noch eine Weile dauern, bis er sich wieder berappeln konnte und die Rosendornen in seinem Gesicht, liessen ihn aussehen wie eine neuartige norddeutsche Kaktusart.
Nun, wie man sich denken kann, hatte die Angelegenheit doch noch ein Nachspiel. Heinrich und Jonni bekamen genau 4 Wochen Zeit sich eine neue Bleibe zu suchen und mussten zudem hoch und heilig versprechen, innerhalb dieser Frist keinerlei derartigen Blödsinn mehr zu verzapfen. – Heinrich und Jonni aber entschieden sich, gemeinsam mit anderen „Gleichgesinnten“, reiferen Jahrgängen, eine Art Wohngemeinschaft zu gründen. Zu diesem Zweck kauften sie ein altes Haus am Stadtrand, natürlich mit Blick auf den Deich und das Meer. Und, soweit überliefert wurde, haben die Beiden dort noch viele Jahre glücklich und voller Ideenreichtum und Lebensfreude ihre Lebenszeit genossen. Als sie starben, waren sie erfüllt, lebenssatt und jenseits der 90.
Ein Taxi hielt vor dem Eingangstor des alten Hauses, indem Heinrich und Jonni gelebt hatten. Ein Mann, weit über die 70, stieg aus. Seine Sachen waren schon gestern gebracht worden. Er zahlte das Taxi und dann ging er in Richtung Eingang.
Bevor er zum Hauseingang weiterging, warf er noch einen Blick auf das Schild am Zaun, worauf stand: „Was heisst hier eigentlich alt?“ – Er schmunzelte und Zufriedenheit machte sich in seinem Gesicht breit. Und er sagte zu sich selbst: „Hier bin ich genau richtig!“, und ging hinein.
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit, schöne Festtage und ein erfolgreiches und gesundes 2016.
Einmal mehr einen ganz besonderen Dank den Helfern im Hintergrund, Francoise Benz und Max Wicker, sowie an Heinz und Vreni die für den Aufbau und das Herrichten des Vereinslokals gesorgt haben. Aber auch ganz besonders herzlichen Dank an Hans Wiek, der in diesem Jahr mit seiner Lautsprecheranlage für eine rundum gute Akustik gesorgt hat.