Drisana ist 7 Jahre alt und wohnt mit ihren Eltern und dem Grossvater Nanuq weit oberhalb des Polarkreises, auf der Insel Grönland, in der Ortschaft Kirima.
Hier leben insgesamt 15 Familien in ihren roten Holzhäusern. Eine Schule gibt es nicht und auch keinen Laden, in dem man hätte etwas einkaufen können. Alles was benötigt wird, muss aus einer kleinen Stadt, welche im Sommer mit der Personenfähre und im Winter mit dem Motorschlitten erreichbar ist, herangeschafft werden. Ein Diesel-Generator versorgt 2x am Tag die Häuser für 3 Stunden mit elektrischer Energie. Den Rest des Tages gibt es keinen Strom. Das spärliche Licht in den Häusern wird mit Petroleumlampen erzeugt und zum Heizen gibt es die Petroleumöfen.
Da es keine Schule gibt, wird Drisana, wie die anderen 18 Kinder, von den Eltern und Grosseltern unterrichtet. Hierfür gibt es, für alle Kinder, egal wie alt sie sind, ein eigens errichtetes Schulhaus, das aber auch für Anlässe der kleinen Gemeinde und für Zusammenkünfte und Feierlichkeiten der Dorfbewohner genutzt wird.
Von Nanuq dem Grossvater hat Drisana schon viel über das frühere Leben der Eskimos erfahren. Die Eskimos waren noch bis vor einigen Jahrzehnten ein Volk von Nomaden und wanderten unentwegt den Beutetieren nach. Heute leben die Eskimos in kleinen Holzhäuser-Siedlungen.
Früher bauten die Eskimos ihre Schneehäuser, die sie Iglus nannten, jeweils dort auf wo sie sich aufhielten und jagten.
Seitdem ist viel Zeit vergangen und die Männer gehen nur noch selten und nur in ihrer Freizeit auf die Jagd. Die meisten von ihnen haben in den umliegenden, zum Teil mehrere Stunden entfernten, grösseren Ortschaften eine regelmässige Arbeit gefunden. Die Männer bleiben für 3 Wochen an ihren Arbeitsorten und kehren dann für 10 Tage in ihre Dörfer und zu ihren Familien zurück.
Das Leben hier, in diesen unendlichen nördlichen Breiten, ist geprägt von kurzen Sommerphasen und langen Winterzeiten. Auch die Sonne verabschiedet sich schon Mitte Oktober hinter dem Horizont und taucht erst in der zweiten Märzhälfte wieder auf. In dieser Zeit gibt es über die Mittagszeit nur eine mehr oder weniger lange Dämmerungsphase.
Dafür geht allerdings die Sonne im Sommer überhaupt nicht unter und es wird niemals Nacht.
Drisana sitzt bei ihrem Grossvater Nanuq auf dem Schoss und der Grossvater erzählt ihr wieder einmal eine Geschichte aus seinem Leben. Drisana liebt diese Geschichten über alles und in ihrer Phantasie sieht sie all diese Geschichten in lebendigen Bildern vor ihrem geistigen Auge auftauchen, wie auf einer Kinoleinwand.
Als der Grossvater mit seiner Geschichte zu Ende gekommen ist, fragt Drisana: „Grossvater, wie lange müssen wir noch warten, bis die Sonne wieder kommt? Es ist doch schon so lange dunkel und ich sehne mich nach der Sonne.“ „Ja, meine kleine Drisana“, antwortet Nanuq, „ich warte auch schon wieder sehnsüchtig auf das Licht!“ – „Weisst Du was“ sagte da der Grossvater, „am Sonntag ist der Tag der Wintersonnenwende, ab da werden die Tage wieder länger und wir könnten zur Feier des Tages zusammen auf das Eis und ein wenig Fischen gehen“. „Au ja“, freute sich Drisana und klatschte vor Begeisterung in die Hände, „das wird prima!“
Und so kam der Tag, als, die beiden am späten Vormittag mit der ersten Tagesdämmerung hinaus auf die Eisfläche gingen. Drisanas Mutter hatte Tee und etwas zum Picknicken eingepackt und so waren die beiden für ihren Ausflug bestens versorgt.
Es war sehr, sehr kalt und unter ihren Füssen knirschte der harte Schnee. Aber Drisana war glücklich an der Hand des Grossvaters mit ihm unterwegs zu sein.
Als sie am Ufer angekommen waren, gingen sie noch ein Stück weit hinaus auf die Eisfläche. Die weisse Schneewüste endete erst weit draussen, wo es noch einige offene Wasserflächen gab. Doch soweit mussten sie nicht hinaus.
Der Grossvater bohrte ein Loch in das Eis und liess seine Angelhaken in die kalte und dunkle Meerestiefe hinab, bevor sich beide vor dem Eisloch niederliessen.
Der heisse Tee dampfte in ihren Tassen und der gesalzene getrocknete Fisch half gegen den Hunger.
„Grossvater erzähl mir bitte noch eine Geschichte von „Sura“, meiner Grossmutter“, bat Drisana ihren Grossvater.
Sura war bereits kurz vor Drisanas Geburt gestorben und so kannte Drisana ihre Grossmutter nur aus den Geschichten, die ihr vom Grossvater überliefert wurden.
„Nun“, begann der Grossvater da, „Du bist ihr sehr ähnlich, denn auch Deine Grossmutter hatte immer sehnsüchtig auf die Wiederkehr des Lichts gewartet und wir haben den Tag der Wintersonnenwende in all den vielen gemeinsamen Jahren zusammen gefeiert.“
„Bitte erzähl doch“, drängelte Drisana!
„Also gut, meine kleine Prinzessin, dann hör mal gut zu.“ Grossvater nahm noch einen kräftigen Schluck von dem Tee und begann schliesslich mit seiner Geschichte: „Es war vor vielen, vielen Jahren, als Sura und ich noch sehr jung waren. Ich habe sie zum ersten Mal in einer Stadt, weit weg von hier, auf einem Markt gesehen. Sie war mit ihrem Vater dorthin gekommen und hatte zusammen mit ihm Robbenfelle zum Verkauf angeboten.“
„Damals kamen noch fast alle Jäger der Eskimos aus der Region in diese Stadt und verkauften ihre Waren auf dem Markt, oder sie tauschten sie gegen andere wichtige Artikel des täglichen Bedarfs ein.
Deine Grossmutter ist mir sofort aufgefallen und ich kann Dir heute sagen, es war für uns beide Liebe auf den ersten Blick!“
„Das Glück wollte es auch, dass wir uns an jenem Abend heimlich treffen konnten, aber leider nur sehr kurz, denn ihr Vater durfte auf keinen Fall merken, dass wir füreinander eine Zuneigung verspürten.“
„Es war eine wunderbare Begegnung. Immerhin konnte ich wenigstens erfahren, in welcher Region sie lebte. Und ich versprach ihr, wenn der Sommer kam, zu ihr zu kommen und bei ihren Eltern um ihre Hand anzuhalten.“
„Der Abschied fiel uns beiden schwer, obwohl wir uns ja erst seit ein paar Stunden begegnet waren, aber es ging nicht anders. Und weisst Du was,… genau in diesem Moment stieg im Norden ein wunderschönes Polarlicht auf. Wir waren uns natürlich sofort einig, dass dies ein Zeichen dafür war, dass auch der Himmel mit unserer Liebe einverstanden war.“
„Lieber Nanuq“, sagte Sura zum Abschied zu mir, „was immer auch geschieht und wo immer wir uns dann befinden, immer wenn ein Polarlicht aufsteigt, dann bedeutet das nur eines; nämlich, dass ich mit meiner Liebe, meinen Gedanken und in meinem Herzen bei Dir bin und Dir nah sein werde. Vergiss das bitte nie!“
„Nein, ganz gewiss nicht, wie könnte ich das nur vergessen, versprach ich ihr daraufhin!“ „Ich werde ganz gewiss immerzu daran denken.“
„Und dann haben wir uns ganz fest und lange in den Armen gehalten und unser Feuer der Liebe brannte lichterloh und erwärmte unsere Herzen.“
„Als der Sommer kam, habe ich mich dann auf den Weg gemacht. Und der Weg war lang. 6 Tage lang bin ich durch das permanente Licht des Sommers und zu Fuss unterwegs gewesen, bis ich endlich dorthin kam, wo Sura sich mit ihrer Sippe aufhielt.“
„Im Gepäck hatte ich auch einige Geschenke für ihre Eltern dabei. Zum Beispiel ein gutes Jagdmesser, Zündhölzer, Nadeln, Garn und Faden für das Herstellen von Kleidung aus Fellen, aber auch eine herrlich duftende Kräuterseife, die ich kurz zuvor auf dem Markt gekauft hatte, auf dem Sura und ich uns zum ersten Mal begegnet sind.“
„Ja, und so konnte ich ihre Eltern schliesslich davon überzeugen, dass Sie mich als ihren Schwiegersohn akzeptierten.“ – „Die Hochzeit fand dann, einige Tage später, im Kreise ihrer Sippe statt und es war ein sehr schönes Fest, das 3 Tage andauerte.“
„Einige Tage später sind wir dann zusammen zu meiner Familie zurückgekehrt.“
„Eines Tages war es dann soweit und Deine Mutter wurde geboren. Wir taten es in jener Zeit anderen Eskimos gleich und wollten sesshaft werden und so gründeten wir die Ortschaft „Kirima“ in der wir heute noch alle zusammen leben.“
„Ich bekam schlussendlich damals eine Arbeit in der Stadt und genauso wie Dein Vater, kam ich in der arbeitsfreien Zeit zurück und ging nebenbei auf die Jagd oder blieb einfach mit Deiner Grossmutter und Deiner Mutter im kuscheligen Haus, bis ich wieder arbeiten musste.“
„Das Polarlicht haben wir selbstverständlich in all unseren gemeinsamen Jahren als Zeichen unserer Liebe und Verbundenheit verehrt und gewürdigt. Und auch heute noch ist das so, dass immer dann, wenn das Polarlicht im Norden aufsteigt, Deine Grossmutter wieder an mich denkt. Ja, wirklich es ist immer noch ein Zeichen unserer Liebe und Verbundenheit und ich fühle mich ihr in diesen Momenten besonders nah.“
„Aber Grossvater“, unterbrach Drisana seine Erzählung, „bist Du denn nicht traurig, dass Grossmutter nicht mehr bei Dir ist?“
„Doch manchmal schon“, antwortete Nanuq auf Drisanas Frage, „und dennoch weiss ich, dass wir uns schon bald wiedersehen werden, nämlich dann, wenn auch ich eines Tages die Reise in das Himmelreich antreten werde.“
„So will es das Leben und so geht es allen Menschen und so ist es seit Urzeiten immer allen Menschen gegangen.“
Drisana wirkte nachdenklich und schaute den Grossvater mit traurigen Augen an. „Ich will aber nicht, dass Du von mir weggehst!“, sagte sie fest entschlossen.
„Nun, meine liebe Prinzessin, das liegt leider nicht in unserer Entscheidungskraft, das wird im Himmel entschieden. Aber ich verspreche Dir heute schon, dass ich dann auch für Dich, zusammen mit Deiner Grossmutter, immer mal wieder ein Polarlicht zum Erleuchten bringe, wenn wir gemeinsam besonders lieb und gern an Dich denken! – Einverstanden?“
„Grossvater, Grossvater, da schau nur!“, und Drisana zeigte mit ihrer kleinen Hand ganz aufgeregt in den Nordhimmel.
Als der Grossvater sich umdrehte, rief auch er ganz aufgeregt: „Ja, schau nur ein Polarlicht steigt auf!“
„Und das bedeutet, dass Grossmutter an Dich denkt!“, rief Drisana voller Freude. – „Nein, liebe kleine Prinzessin, diesmal denkt Grossmutter ganz sicher an uns beide und ich weiss, dass sie uns damit sagen will, dass auch sie sich freut, dass wir beide hier nun zusammen die Wintersonnenwende feiern.“
Drisana konnte ihr Glück fast nicht glauben, aber der Grossvater sagte das aus einer so tiefen und klaren Überzeugung heraus, dass sie aufsprang, dem Grossvater um den Hals fiel und ihn vor Freude und Begeisterung ganz fest umarmte.
Dieses Polarlicht war eines der intensivsten seit langer Zeit und dauerte 9 Stunden. Es war so intensiv und hell, dass es den Beiden sogar noch den ganzen Nachhauseweg ausgeleuchtet hat.
Als Drisana an diesem Abend einschlief, träumte sie von „ihrem“ Polarlicht, von der Grossmutter, vom Grossvater und von der aufgehenden Sonne am Horizont, die schon noch eine Weile auf sich warten liess. Ja, so war das damals mit dem Polarlicht für Drisana.
Als sie schliesslich selbst erwachsen war, zog sie mit ihrem Mann in die Stadt, bekam zwei Kinder und hatte nun selbst eine Familie. Aber immer zur Wintersonnenwende kam sie mit ihrer Familie nach „Kirima“ zurück, um diesen Tag in ihrem Heimat-Ort, gemeinsam mit anderen, zu feiern.
Jawohl und wann immer ein Polarlicht im Norden aufstieg, dachte Drisana an den Grossvater und an die Grossmutter, die nun wieder glücklich beisammen waren.
So gibt es wohl noch sehr viele Geschichten der Eskimos, die von einer Generation auf die nächste weitergegeben werden.
Besonders im Winter, wenn es fast immer dunkel ist, dann werden sie erzählt. Und die Polarlichter kommen ebenfalls fast immer darin vor. Und egal ob Alt oder Jung, alle hören diesen Geschichten voller Aufmerksamkeit und gespannt zu.
Und wenn wir ehrlich sind und selbst wenn es bei uns „noch“ keine Polarlichter gibt. Geschichten hören wir doch auch alle ganz gerne, oder?
Übersetzung aus der Sprache der Eskomos:
Nanuq = Polarbär
Sura = Grünes Blatt, neues Leben
Drisana = Tochter der Sonne
Kirima = Hügel