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Ich erinnere mich noch sehr genau. Vielleicht war ich zehn oder elf als es hiess: „Am Sonntag gehen wir zu Besuch zur Grossmutter und zum Grossvater.
Denn hat zu unserer Tradition gehört, dass man in der Adventszeit einmal auf Besuch zu den Eltern vom Papa gefahren ist. Draussen hat es geschneit und es waren auch nur noch einige Tage hin, bis Weihnachten.
Mutter war ziemlich aufgeregt, weil es für sie doch jedes Mal eine Überwindung gekostet hat, dorthin zu fahren.
Grossmutter war schon keine so einfache und wollte immer, dass alles genau nach ihren Vorstellungen ablaufen sollte. Und Mutter musste sich in allem zurück halten, sonst hätte es eine Katastrophe gegeben.
Papa meinte, sie solle sich nicht so anstellen und ein wenig zusammen reissen, wir sind ja doch bloss ein paar Stunden bei ihnen.
Mutter hat dann jedes Mal nur die Augen verdreht und laut ausgeatmet.

Und dann war es schliesslich soweit. Wir haben uns schön angezogen und sind in das Auto eingestiegen und abgefahren. Mutter ist nervös auf dem Autosessel gesessen und hatte ein ganz rotes Gesicht. Und das, obwohl es im Auto gar nicht heiss gewesen ist.
Nach eineinhalb Stunden sind wir dann angekommen. Mein jüngerer Bruder und ich sind aus dem Auto gesprungen und an die Haustür gelaufen. Jeder von uns wollte mal am Türglockengriff ziehen, der an der rechten Seite der Haustüre angebracht war.
Wir haben natürlich nicht nur einmal dran gezogen, denn so einen schönen Türglockengriff haben wir zu Hause natürlich nicht.

Die Grossmutter hat uns aufgemacht und wir sind ihr erst Mal in die Arme gesprungen und sie hat sich darüber herzlich gefreut.
Mutter lief hinter dem Papa her und hat versucht sich zusammen zu reissen und wollte sich nicht anmerken lassen, dass sie schon jetzt die Schnauze voll gehabt hatte.
Wir sind dann auch gleich in das Wohnzimmer gelaufen, wo der Grossvater im Lehnstuhl sass und seine Pfeife geraucht hat.
Grossvater war ein sehr gemütlicher Mann. Den hat die Grossmutter nicht aus der Ruhe gebracht, auch dann nicht, wenn sie mal wieder losgeschimpft hat, weil der Grossvater seine Pfeifenasche auf dem Fussboden fallen liess.
Weil Mutter und Papa noch nicht drin waren, hat uns der Grossvater jeden Mal an der Pfeife ziehen lassen – und weil wir anschliessend immer so schön davon husten konnten. Dann haben wir alle drei gelacht und der Besuch hat schon mal gut angefangen.

Die Grossmutter hat noch gemeint, dass sie ein wenig spät dran sei und es schon noch eine halbe Stunde dauert, bis der Kuchen fertig sei.
Wir Kinder wollten dann unbedingt noch mal nach draussen, denn in der Garage des Grossvaters haben immer sehr viele interessante Gegenstände herumgelegen, womit man herrlich spielen konnte.

Mutter rief uns noch nach, wir sollen uns ja nicht dreckig machen, aber das haben wir natürlich nicht mehr gehört und waren indes schon draussen.
In der Garage haben wir denn ein paar schöne Stöcke gefunden und ich habe mich erinnert, dass es hinter der Garage ja noch den Ententeich gibt und der hat sicher schon eine Eisschicht gebildet, wo man vielleicht ein bisschen drauf „schlittern“ kann.

Voller Vorfreude sind wir dann am Weiher angekommen und es hatte tatsächlich eine Eisschicht drauf. Wir haben dann zuerst mal mit den Stöcken draufgeschlagen, um zu sehen, ob die Eischicht vielleicht schon stark genug ist und wir draufgehen können.
Und es war scheinbar schon dick genug, denn die Stockhiebe haben dem Eis nichts anhaben können. Ich bin dann erst mal ganz vorsichtig mit einem Bein draufgetre-ten, und das Eis hat immer noch gehalten. Als ich dann mit beiden Beinen drauf-stand, habe ich gewusst, dass die Eisschicht stark genug sein muss. Ich bin auch noch ein Stück weiter gegangen und das Eis war auch da dick genug. Dann kam auch mein Bruder nach und wir haben beide einen Mega-Spass gehabt.
Aber dann ging alles sehr schnell. Wir hörten es noch Krachen und Knirschen und wollten noch schnell aus Ufer rennen, aber da ist mein Bruder schon mit einem Bein im Uferschlamm versunken und das Wasser lief ihm in seinen Winterstiefel.
Ich habe mich indes noch schnell mit einem Hechtsprung ans Ufer retten können und bin auf dem Bauch gelandet. Aber unter dem Schnee am Ufer lag noch jede Menge Entenscheisse. Und die hatte sich jetzt auf der Vorderseite meines Anoraks festgesetzt.

Da half weder fluchen noch ärgern, wir mussten nun ins Haus gehen und unser Missgeschick beichten. – Mein Bruder mit seinem vollgelaufenen Schlamm-Winterstiefel und ich mit der Entenscheisse auf dem Anorak.
Wir haben auch diesmal beim Hineingehen nicht an dem Türglockengriff gezogen, stattdessen nur die Ohren hängen lassen, in Erwartung von nichts Gutem!

Ich habe dann im Eingang nach der Mutter gerufen, aber die Grossmutter war schneller und hat uns als erste gesehen.

Ich weiss heute schon nicht mehr genau, was sie uns alles entgegengeschleudert hatte, aber sie hat sicher mal ihr ganzes Flüche-Repertoire rausgelassen und schliesslich sind dann alle auf dem Flur gestanden, haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und drauflos geschimpft.
Als dieses Gewitter durch war, hat uns Mutter auf dem Flur ausgezogen und meinem Bruder hat sie im Badezimmer noch die Füsse gewaschen. Papa und Grossvater ha-ben sich auf diesen Schreck erst mal einen doppelten Grappa eingeschenkt und auf „EX“ hinuntergekippt. Und weil der Schreck so gross war, gleich nochmal einen zweiten!

Grossmutter lief dann wieder an das Telefon, denn sie musste noch mit ihrer besten Freundin etwas besprechen.
Als mein Bruder und Mutter aus dem Bad kamen, hat es plötzlich ein wenig angebrannt gerochen und Grossmutter ist wie der Blitz in die Küche gerannt und hat nochmals geflucht, wie ein Rohrspatz und immerzu gejammert: „Ohh nein, ohh nein, mein schöner Kuchen!“.
Der war nämlich in der Zwischenzeit zu einem echten Brikett verbacken und hat allenfalls noch für den Kaminofen getaugt.
Der Papa und der Grossvater haben auf diesen Schreck gleich nochmal zwei Grappa hinuntergespült, dabei die Augen verdreht und gelacht.

Mutter hielt die Hände vor ihr Gesicht, um ihre Schadenfreude zu verbergen, die bei ihr aufkam, als sie dieses „Kuchen-Brikett“ gesehen hat.

Nachdem sich der Rauch und Gestank vom verbrannten Kuchen ein wenig verzogen hatte, hat sich die Grossmutter ein wenig beruhigt und sagte: „sie mache jetzt erst mal den Kaffee fertig.“
Anstatt des Kuchens gab es dann nur Honigbrot. Aber ausser der Grossmutter hatten alle ihren Mega-Spass an diesem Adventskaffee.

Und weil in der Grappaflasche nur noch einen Rest übrig war, haben der Papa und der Grossvater den Rest davon auch noch ausgetrunken und hatten noch mehr ihren Spass dabei, indem sie sich alte Witze erzählten.
Wir Jungs haben auf dem Sofa gesessen und alte Mickymaus-Hefte gelesen, die noch aus Papas Kinderzeit stammten.
Mutter hat mit der Grossmutter geredet, denn sie tat ihr nun doch etwas leid. Und so ist dieser Besuch am späten Nachmittag zu Ende gegangen und Mutter hatte auch nicht mehr die Schnauze voll.
Sie musste stattdessen nach Hause fahren, denn der Papa hatte definitiv zu viel Grappa getrunken und wollte nicht, dass sie ihm den Fahrausweis entziehen. Den strafenden Blick, den die Mutter ihm zugeworfen hat, hat er nicht wahrgenommen, denn dafür war er einfach zu gut drauf.

Es war auch unser letzter Adventsbesuch. Wir haben den Besuch dann eher auf den Sommer verlegt. Da konnten wir Jungs wenigsten im Garten herumspringen und wenn wir mal dreckig gewesen sind, hat die Grossmutter einfach den Gartenschlauch genommen und uns abgeduscht.

Aber der Sommer hatte auch noch weitere grosse Vorteile. Da war es dann auch nicht so schnell wieder Nacht und wir mussten nicht so früh ins Bett.

Heute bin ich ein erwachsener Mann und meine Eltern sind nun Grossmutter und Grossvater. Aber wir haben es gut miteinander.
Grossmutter und Grossvater von damals haben schon noch einige Jahre gelebt, bis sie gestorben sind.

Aber ich glaube egal wie alt mein Bruder und ich auch werden, die Geschichte von damals werden wir sicher nie vergessen.

Eine Anmerkung sein mir noch zum Schluss gestattet. Für alle diejenigen die mit die-ser „schweizer“ Mundart-Ausführung etwas Verständnisschwierigkeiten haben, habe ich auch noch diese „schriftdeutsche“ Fassung ausgearbeitet.
Wir haben nämlich mittlerweile doch auch internationalen Fischerverein-WEB-Seitenbesucher, die gerne diese Geschichten lesen. So kann dann diese Fassung ebenfalls auf unserer WEB-Seite veröffentlicht werden.

Ja, also dann und weil es ja ab morgen wieder auf den Sommer zugeht und unsere Tage täglich wieder ein wenig länger werden, wünsche ich Euch nun noch einen schönen Abend und noch recht viel Freude am Fest.

Herzlichen Dank, schöne Feiertage und alles Gute im neuen Jahr!