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Das Abwrackunternehmen hatte ganze und professionelle Arbeit geleistet.
Der Auto-Kran hievt Stück für Stück die entstandenen Metallteile der alten Fähre auf die bereitgestellten Tieflader. Innerhalb von nur 5 Stunden ist alles verladen und die alte Flussfähre von Hornau ist Geschichte.
Heute erinnern nur noch die rostigen, alten Anker des Führungsseils, die hier und drüben am Ufer stehen, an das was hier wohl einst geschehen ist. Und wenn der Wind heute durch die uralten, hohen Uferpappeln weht, die unendlich vielen Blätter rauschen und man sehr genau hinhört, dann erzählen sie eine Geschichte. Es ist eine Geschichte von den Menschen, die hier einst am und mit dem Fluss gelebt haben und die hier, wie von den Alten im Ort berichtet wird, auch sehr glücklich gewesen sind.

Hornau ist ein kleiner und verträumter Ort, mit kaum mehr als 150 Einwohnern, ca. 1km östlich vom Ostufer des breiten Flusses gelegen, zudem uns die heutige Reise führen soll.

Der breite Fluss schiebt seine, vom Regen der letzten Tage, graubraunen Wassermassen langsam und träge in Richtung Meer. An den Ufern wuchert der Rainfarn und wilde Kamille. Der mässige Westwind versetzt diese Uferpflanzen in einen zarten Tanz. Die Silber-Pappeln am Ufer rauschen zum Rhythmus des Windes und tanzen ihren eigenen kollektiven Tanz. Behäbiger Frieden und Ruhe hüllt diesen Ort in eine magische Stimmung.
Die alte Seilfähre liegt fest vertäut am Ostufer und wartet auf Kundschaft.
Nur wenige Meter hinter der Uferkante steht ein kleines Holzhaus, hier wohnt Willi, der Fährmann. Etwas abseits des Hauses raucht es aus Willis selbstgemauerten Aale-Räucherofen. Willi lebt hier seit nun fast 50 Jahren. Er ist jenseits der 70 und seine Frau ist vor mehr als 10 Jahren zu ihrer Familie in der grossen Stadt im Westen zurückgegangen.
Sie hatte diese, für sie, eintönige Welt satt und musste raus. Willi liess sie ziehen und hat es seitdem ruhiger und ausgeglichener, als zuvor. Kinder gibt es keine.

Willi nimmt seinen Beruf sehr genau. Die Fähre wird von ihm in akribischer Manier gehegt und gepflegt. Dieser alte Kahn ist für ihn das Sinnbild seiner Lebensaufgabe und das wissen all seine Fahrgäste zu wertschätzen.

Aber es gibt auch Zeiten, da macht sich Willi Sorgen um die Zukunft seine Fähre. Mit über 70 Jahren ist sein Lebensende eher gegenwärtig, als zukünftig. Interessenten die hier in seine Fuss-Stapfen treten könnten, gibt es leider bisher nicht.

Eines Tages, Willi hatte an diesem Tag schon 10 Überfahrten realisiert, stand am gegenüberliegenden Ufer ein Pferdefuhrwerk das übergesetzt werden wollte. Willi holte über und während der Überfahrt sah er das junge Mädchen hinter dem Kutscher sitzen. Er fragte sie, wie sie heisse und sie antwortete brav, aber reserviert: „Lisa“!
Lisa war fast 13 Jahre alt und fuhr gerne mit ihrem Onkel, bei dem sie aufwuchs, mit dem Pferdefuhrwerk mit. Willi fragte Sie, ob sie gerne sehen wolle, wie die Fähre bedient werde. Lisa zögerte nicht lange und sprang vom Wagen. Willi zeigte ihr jeden Handgriff, der nötig war. Lisa durfte auch einmal mit ihm zusammen die Kurbel drehen, die das stählerne Zugseil bewegte, das die Fähre sicher an ihr Ziel brachte. Das war aufregend und spannend zu gleich. Lisa strahlte vor Entdeckerfreude über beide Backen wie ein Honigkuchenpferd. Willi war begeistert und überrascht zugleich. Seit Jahren hatte er keinen Menschen mehr getroffen, der so lebensfroh und neugierig war, wie diese kleine Lisa. Und ihm wurde richtig warm ums Herz und er freute sich sehr über diese schöne Begegnung.
Als das Fuhrwerk von der Fähre fuhr, schaute Lisa lachend zurück und winkte noch lange dem alten Fährmann zu.
Aber das war noch nicht das Ende dieser Begegnung. Immer mal wieder fuhr sie mit dem Onkel mit und wenn dieser die Fähre nahm, war sie dabei und half Willi die Fähre zu bedienen. Kaum zu glauben, aber diese kleine neugierige Kinderseele hatte nicht nur beachtliche Fähigkeiten zu bieten, sie hatte auch richtig Freude daran, diese Fähre zu bedienen und so entwickelte sich zwischen Willi und Lisa eine besonders schöne Kinder-Erwachsenen-Freundschaft.

Es war gut 3 ½ Jahre danach, als das Fuhrwerk mit ihr und Lisas Onkel wieder einmal überzusetzen war. Lisa sprang sofort vom Fuhrwerk und bediente die Fähre, wie sie es gelernt hatte. Willi stand daneben und war erfüllt von Stolz und Freude. Und als diesmal der Abschied kam, fiel es Willi sehr schwer sie wieder ziehen zu lassen. Und Lisa? Sie lachte wie immer und winke ihm einmal mehr noch sehr lange nach.

Monate später, es war Ende Oktober. Die Papeln standen im bunten Herbstkleid, der Rainfarn und die wilde Kamille waren nun gänzlich verblüht und braun. Willi hatte an diesem Morgen schon 3x den Fluss überquert und wollte nun ins Haus etwas zu Mittag essen. Da sah er am gegenüberliegenden Ufer eine Person stehen, die rief und winkte. Erkennen konnte Willi diese Person nicht und so machte er sich abermals daran die Fähre überzusetzen, um diese Person abzuholen. Je näher er dem gegenüberliegenden Ufer kam, desto intensiver wurde seine Vermutung es könnte sich wohlmöglich um Lisa handeln. Aber die Zweifel waren zunächst noch stärker und so drehte er an der Seilkurbel und fuhr Meter für Meter weiter. Drüben angekommen, waren alle Zweifel dahin.
Tatsächlich, es war Lisa. „Lisa, was um Himmelswillen machst Du den allein hier?“, fragte Willi voller Sorge und Freude gleichermassen. Und Lisa kam an Bord und bat ihn darum sie überzusetzen, sie würde es ihm dann gleich erklären, wenn sie drüber angekommen waren. Lisa drückte Willi ihr bescheidenes Gepäck in die Hand, nahm die Kurbel und drehte, so wie sie es gelernt hatte und als ob sie nie in ihrem Leben etwas anderes gemacht hatte.
Drüben angekommen machte sie die Fähre fest und sie gingen beide in das alte Fährmanns-Holzhaus. Während Willi das Essen zubereitete, fing Lisa an zu erzählen.
„Ich möchte hier bei Dir bleiben und mit Dir diese Fähre betreiben. Ich bin alt genug, um arbeiten zu können und ich möchte auch ein Fährmann (besser eine Fährfrau) werden. Du bist doch schon so alt und kannst nicht mehr so gut arbeiten. Da könnte ich Dir doch zur Hand gehen und wir machen das dann einfach beide. Als Fährmannsteam sozusagen!
– Übrigens mein Onkel ist einverstanden damit, hier ist sein Brief, da steht alles drin.“
Willi verschlug es augenblicklich die Sprache. Er brachte kein Wort heraus,als Lisa ihm den Brief hinhielt. Nachdem Willi die Botschaft gelesen hatte, standen in seine Augen die Tränen. Er konnte es nicht fassen, war das wirklich wahr?
Dann ertönte die Glocke am gegenüberliegenden Ufer und ein Fuhrwerk wollte übergesetzt werden. Willi liess alles stehen und liegen und wollte gerade zur Fähre gehen, da schrie Lisa: „Halt, bleib hier und mach das Essen fertig, ich mach das jetzt!“ – Willi war abermals sprachlos und überrascht gleichermassen. „Das gibt’s doch gar nicht!“, dachte er bei sich und im Herzen machte sich eine wärmende Freude bemerkbar. „Typisch Frau“, dachte er bei sich, „wenn die was wollen, dann müssen wir Männer kuschen!“ und seine Freude im Gesicht, liess seine runzelige Gesichtshaut fast straff und jung erscheinen.

So begann eine wunderschöne Lebenszeit für beide. Willi richtete Lisa eine kleine Kammer im Haus ein und beide genossen diese Flussidylle, als würde es auf der ganzen Welt nichts Schöneres geben.
Willi und Lisa lebten noch viele Jahre in einer sehr erfüllenden Fährmanns/-frau-Gemeinschaft. Eine wunderbare Zeit.
Als Willi dann in hohem Alter erfüllt und zufrieden starb, führte Lisa denFährbetrieb allein weiter. Sie war bei allen Reisenden sehr beliebt und weit über die Landesgrenze bekannt.
Als nun eines Tages einige Landarbeiter aus der Fremde übersetzten wollten, glaubte einer von ihnen mit Lisa ein leichtes Spiel zu haben und quatschte sie dumm an. Lisa schaute ihn mit ernster Miene an und verwarnte ihn. Daraufhin gab es ein schallendes Gelächter und der Aufdringlingbegann aufs Neue sie anzumachen. Lisa liess die Seilkurbel los und packte den Pöbel mit einem kräftigen Schultergriff und noch bevor dieser auch nur eine Silbe rausbrachte, zog sie ihn über ihre Hüfte und warf ihn in den Fluss. Dann griff sie abermals zur Kurbel und setzte ihre Arbeit kommentarlos fort.
Selbstredend, dass der Rest der Reisenden sich still verhielten und sich in angemessener Art zurückzog.
Diese Begebenheit machte sie noch berühmter und so wurde sie nie wieder von irgendjemandem belästigt.
Lisa war zufrieden und glücklich mit ihrer Fähre, aber der Fortschritt machte leider auch vor ihr und der alten Fähre keinen Halt. So kam es dass einige Kilometer flussaufwärts eine Brücke über den Fluss gebaut wurde. Die Reisenden wurden immer weniger und eines Tages musste sie einsehen, dass es für sie hier am Fluss keine Zukunft mehr gab.
Aber das Schicksal war ihr gut gesonnen. Sie bekam einen Job auf einem kleinen Frachtschiff, das seit vielen Jahren schon diesem Fluss befuhr.
Der Eigner und Kapitän des Schiffes hatte Lisa oft gesehen und freundlich gewunken, wenn er an dem Fährplatz vorbei fuhr. Lisa nahm den Job an und da der Kapitän annähernd in ihrem Alter war, wurden zunächst aus diesem Arbeitsverhältnis eine Freundschaft und später sogar eine Paarbeziehung.
Ja, und so ging auch die Geschichte von Lisa gut weiter. Und wenn sie mit dem Lastschiff mal wieder an der Stelle vorbeikam, wo die alte Fähre ihren Platz hatte, denkt sie unendlich dankbar an diese schöne Zeit und auch an Willi zurück und manchmal kullert auch eine kleine Träne an ihren Wangen herunter. Und dann umschliesst sie, mit ihren Händen, das Schiffsruder noch ein wenig fester, den Blick nach vorn gerichtet. Und das ist auch gut so.

Im Herzen bleiben aber all die schönen Erinnerungen lebendig. Sie hat es erlebt, sie hat es gelebt, mit all ihrer Leidenschaft und Lebensfreude.
Und das nimmt ihr auch niemand mehr, auch nicht so eine einschneidende Erscheinungsform, wie eine moderne Brücke.

Liebe Zuhörer dieser Wintersonnenwendegeschichte vom Fischerverein Güttingen. Diese Geschichte ist nun auch eine kleine Jubiläumsausgabe.
Heute feiern wir die Wiederkehr des Lichts zum 10. Mal in Folge. Und auch das nimmt uns keiner mehr. Und einmal mehr und besonders heute möchte ich Euch meinen Dank und meine Freude darüber ausdrücken, dass Ihr auch zu diesem 10. Mal, wenigstens virtuell, mit dabei seid. Ich wünsche Euch nun noch eine schöne Zeit, ein frohes Weihnachtsfest, einen gelungenen Jahreswechsel und alles, alles Gute im neuen Jahr.

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