Johannes wohnt in einem kuscheligen Holzhäuschen hinter dem Deich, der mit seiner Höhe die Sicht auf das dahinter liegende Meer versperrt. Villa „Kuschelmaus“, wie Johannes sein Zuhause nennt, liegt in einer alten Feriensiedlung. Er hatte sich dieses kleine Haus nach dem Tod seiner geliebten Frau vor genau 8 Jahren gekauft. Hier konnte er sein Leben leben und vieles vergessen, was ihn seit jener Zeit, wie eine schwere Herzens-Last begleitete. Und es ging ihm gut hier. Er hatte die Weite und den Deich, auf dem er stundenlang mit seinem kleinen Hund spazieren ging und die frische Meeresluft tief in seine Lungen einströmen lies!
Johannes legt noch 2 Holzstückchen in den knisternden Schwedenofen, der den Raum mit einer angenehm, kuschligen Wärme, aber auch mit dem unterhaltsamen Feuerflackern erfüllte. Auf dem Küchenherd steht eine grosse Teekanne mit Gewürztee und der Raum riecht angenehm nach Zimt und anderen wunderbaren, weihnachtlichen Gewürzen Die hat er vor einigen Tagen erst auf dem Weihnachtsmarkt in der Stadt, unweit dieser Siedlung, erstanden. Aus dem Backofen verbreitete sich ein süsslicher Duft von feinstem, selbst gemachtem Gebäck.
Auf dem Tisch, vor dem flackernden Ofenlicht, stand eine dicke Kerze und verbreitete einen unübersehbaren Scharm in ihrer Aura. Ja, richtig kuschelig ist es hier und das hatte natürlich seinen besonderen Grund.
Jeden Moment musste sie an der Haustüre klingeln und Johannes, der sonst die Ruhe und Ausgeglichenheit in Person darstellte, musste sich eingestehen, dass er durchaus eine gewisse, herzklopfende Aufregung in sich verspürte.
Draussen fegte ein ungemütlicher, böiger Nordost um das Haus und pfiff unüberhörbar durch die Lamellen der Fensterläden. Und das verlieh der Atmosphäre in diesem Raum noch mehr Kuscheligkeit!
Da, – die Hausglocke riss ihn unweigerlich aus seinen Gedanken, Wuffi sprang auf und wackelte heftig mit dem Schwanz, freute sich sichtbar und so eilte Johannes zur Tür, öffnete, – und da stand sie nun, eingepackt in einen Winterpelz, mit hochgeklapptem Kragen und einer Wintermütze tief im Gesicht. „Komm schnell rein“, rief er ihr zu, zog sie an der rechten Hand hinein ins Haus und schloss eiligst die Tür. Einige Schneeflocken mogelten sich dennoch in den Eingangsbereich und ergaben sich der vorherrschenden Wärme auf dem Fussboden. Wuffi sprang an ihr hoch und begrüsste sie auf ihre Weise!
„Ohh, wie schön hast Du das hier“, waren Judiths erste Worte, als sie den kuscheligen Wohnraum betrat und sich dabei die kalten Hände rieb. Johannes fehlten zunächst die Worte und er gab ihr mit einer Handgestik zu verstehen, dass sie es sich doch auf dem Sofa, vor dem Kaminofen, bequem machen sollte!
Dann brachte er den Tee und das Gebäck an den Tisch und nahm neben ihr Platz.
Judith und er waren sich vor einigen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt, am Glühweinstand begegnet. Judith war dem aufmerksamen Johannes sofort aufgefallen, weil sie ganz allein an einem der Bistrotische stand und mit ihrem warmherzigen Gesichtsausdruck das Treiben um sich herum beobachtete. „Entschuldigung, ist hier noch frei?“ fragte er sie, bevor er seine heisse Tasse auf dem Bistrotisch abstellte. „Ja, bitte sehr!“, kam es aus ihrem warmherzigen, faltigen Gesicht, dass offensichtlich eine sehr bewegte Lebenszeit wiederspiegelte.
„Es ist doch immer wieder schön, wenn man so kurz vor dem Jahresende, hier noch das bunte Treiben und die Stimmung erleben darf!“, sagte Johannes und nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Glühweintasse. – „Ja“, erwiderte Judith und ihre leuchtenden Augen spiegelten sich im bunten Lichtermeer dieser lebendigen Begebenheit wieder. Johannes traf es wie ein Blitz und das einzige was ihm aus seiner Perplexibilität heraus einfiel, war: „Na dann auf Ihr Wohl, Prost!“ Und beide nahmen einen kräftigen Schluck aus ihren Tassen.
Irgendwie war es merkwürdig, ja vielleicht auch komisch, denn es machte sich plötzlich eine Vertrautheit breit, die ungewöhnlich erschien und diese Vertrautheit war fast schon ein wenig beängstigend.
Aber der Mut und die Offenherzigkeit dieser beiden Menschen, die sich nie zuvor begegnet waren, war dennoch deutlich intensiver, als die Einwände des nervigen Verstandes, der, wie üblich, nur zur Vorsicht warnen konnte.
„Darf ich Sie noch zu einem zweiten Glühwein einladen?“, fragte Johannes und über sein Gesicht verbreitete sich eine unübersehbare Gestik von Wärme und Herzlichkeit, wie sie nun schon seit Jahren nicht mehr zum Ausdruck gekommen war. Judith nickte lächelnd und Johannes nahm die leeren Tassen und machte sich daran, diesen wieder einen angemessenen Inhalt zu verschaffen.
Die wärmende Wirkung der Getränke trug schliesslich dazu bei, dass die beiden sich ein wenig austauschten. Und so erfuhr Johannes, dass Judith hier in der Stadt schon seit mehr als 40 Jahren zu Hause war und seit ihrer Scheidung vom Ehemann vor 15 Jahren, allein eine kleine 2 Zimmerwohnung bewohnte.
Johannes erzählte von seiner Villa „Kuschelmaus“ hinter dem Deich und dass er täglich die Weite und das Meer mit seinem kleinen Hund „Wuffi“ genoss und Wittwer war.
Judith hörte sehr interessiert zu und als Johannes all seinen Mut zusammen nahm und sie zu einem Teeabend bei sich zu Hause einlud, sagte Judith, zum Erstaunen und zur grossen Freude von Johannes, spontan zu. Und so kam es zu jenem Abend in der Villa „Kuschelmaus“, von dem heute unsere kleine Geschichte erzählen soll.
Johannes goss den duftenden Tee in die dickwandigen Tassen, jenen Ausmasses, die man gern mit seinen Händen umschlang und dann diese Wärme symbolisch in sich aufsog. Beide nahmen einen Schluck und dann sagte Johannes: „Ich veredle diesen Tee eigentlich immer mit einer angemessenen Portion 54%igem Rum, damit der Geschmack noch besser zur Geltung kommt.“ Und Judith war zu seiner Begeisterung sofort mit von der Partie und stimmte dem Vorschlag mit leuchtenden und freudigen Augen zu. – „Wie damals bei meinen Eltern“, erwiderte sie, die haben am Abend ihren Tee auch immer mit Rum veredelt!!! Und dabei lachte sie Johannes so herzlich an, dass dem sofort, auch ohne Rum, schon so richtig warm wurde!
Johannes gab den Rum hinzu und beide genossen dieses spezielle, wohltuende Getränk, das den Körper von den Haarspitzen bis in die Zehennägel hinein in eine angenehme Wärme tauchte und… es wurde immer kuscheliger und herzerwärmender.
Nach einer Weile hatte Johannes endlich den Mut und erzählte Judith von seiner besonderen Lebensgeschichte: „Nun, ich war so um die 20 und hatte damals eine kleine Segeljolle, mit der ich bei jeder Gelegenheit aufs Meer hinaus fuhr. Nicht nur zum Segeln, auch zum Fischen!
Eines Tages, war ich am Strand und machte gerade meine Jolle zum Auslaufen klar, als eine junge Frau unweit von mir stand und mir zuschaute. Als sich unsere Blicke trafen, fragte sie keck, ob ich immer allein hinaus fahren würde. Ich bejahte die Frage und ergänzte, dass ich niemanden hätte, der diese Erlebnisse mit mir teilen wollte. – „Würdest Du mich mal mitnehmen?“, kam es schüchtern, aber bestimmt zum Ausdruck! – „Na und ob!“, und so fuhr ich mit Eva, so hiess die junge Frau, hinaus aufs Meer.
Und als wir nach fast 2 Stunden zurückkamen, war die Welt nicht mehr dieselbe, wie zuvor. Irgendetwas war in mir verändert, aber ich wusste nicht was, ich war damals zu einfach noch zu unerfahren! Aber ich war glücklich, weil ich dieses Glück mit einem lieben Menschen, den ich zuvor nicht kannte, einfach teilen konnte!
Wir fuhren noch 3-4-mal gemeinsam hinaus und Eva brachte schliesslich einen Rucksack mit feinem Picknick mit. „Lass uns irgendwo an Land gehen und die Sonne, das Meer und dieses Picknick geniessen!“, sagte sie. Ja, und dann ging es auch schon los.
Nach einer halben Stunde kamen wir an einen Strand, der vollkomme unberührt und fern ab jeglicher Aktivität war. Wir zogen die Jolle an den Strand und machten es uns mit Decken und den Schwimmwesten, als Unterlagen, gemütlich. Wir genossen unser Picknick und das Alleinsein. – Oohhh, welch eine herrliche Welt!
Vom Meer her kamen leichte Wellen an den Strand, die sich brachen und das Rauschen der Wellen, paarte sich mit dem Sommerwind, der in den Wanten des Segelbootes sein nie endendes Lied sang.
Wir lagen einfach da, am Himmel keine Wolke, die unendliche Weite des Universums über uns, und schliesslich trafen sich unsere Hände und hielten sich fest. Wir rückten näher aneinander und der Sommerwind sang dazu sein Lied, gerade so, als würde er uns zu dem ältesten Spiel dieser Welt einladen wollen. Er sang so lange, bis diese Welt um uns herum verschwand, alles eins wurde, ein Ganzes, eine Energie, ein unglaublich erfüllendes Ereignis!
Als die Sonne schon tief im Westen stand, fuhren wir beide zurück und… 1 Jahr später haben wir schliesslich geheiratet.
Es war eine unglaublich schöne und erfüllende Zeit mit Eva. Und übrigens habe ich diese kleine Jolle immer noch, sie steht abgedeckt hinten in meinem Garten! Und im Sommer fahre ich immer noch hin und wieder damit zum Segeln, oder zum Fischen von Dorsch und Makrele hinaus und mein kleines Hundeli „Wuffi“ begleitet mich jedes Mal! „Würdest Du mich auch mitnehmen?“, fragte Judith und lachte über das ganze Gesicht, mit ihren leuchtenden Augen. „Na und ob!“, gab Johannes, wie aus der Pistole geschossen zur Antwort.
Aber eines muss ich Dir dennoch gestehen. Jene grosse Liebe zu Eva, in meinem Herzen, ist nie erloschen, auch dann nicht, als ich mich vor nun mehr als 8 Jahren, schweren Herzens, von ihr, verabschieden musste. Glaube mir Judith, Du bist der allererste Mensch, dem ich das überhaupt jemals anvertraut habe,… weiss auch nicht recht warum, bin hier einfach nur einer inneren Eingebung gefolgt!?
Judith spürte diese gewaltige Liebe, die von Johannes ausging sehr genau, war fasziniert von dieser unglaublichen, lebendigen Lebenskraft, die immer noch gelebt werden wollte. Aber sie spürte auch, dass diese seit Jahren unter dem Deckel seines Schicksals gefangen war! – Das Feuer im Kaminofen flackerte und spiegelte sich in den Augen dieser beiden Menschen wieder. Es war ruhig, keiner sagte etwas, nur der böige Nordost pfiff durch die Lamellen der Fensterläden, so wie vielleicht damals am Strand. Aber wohl eher nicht so romantisch, oder doch?
Judith ergriff die Hand von Johannes und zog ihn auf das zottige Lamafell vor dem Kaminofen. Und es war, als wenn die Welt um sie herum verschwand, alles eins wurde, ein Ganzes, eine Energie, ein unglaublich erfüllendes Ereignis…
Als die Beiden aus diesem Glück erwachten, war der Ofen fast nieder gebrannt. Johannes erhob sich und legte nach. Dann krabbelte er wieder zu Judith auf das Lamafell unter die Sofadecke und… Ja, und da wurde Johannes eines klar, erst jetzt trug das kleine Holzhaus seinen Namen „Villa Kuschelmaus“ zu Recht!
Nun, wie man sich wohl denken kann, hatte dieses Ereignis nachhaltige und tiefgreifende Folgen. Von Stunde an waren sie Hand in Hand und gemeinsam im Leben unterwegs.
Kaum zu glauben, aber das gibt es wirklich.
Hier hatten sich zwei Menschen gefunden, die beide schon die 70er Jahresboje umsegelt hatten. Aber was hatte das schon für eine Bedeutung?
Alter ist doch sowieso nur eine Zahl. Und wer immer noch glaubt, im Alter ist sowieso alles vorbei, sollte sich mal überlegen, ob die wirkliche Realität eventuell und vielleicht doch eine ganz andere ist und sein könnte, – an die es sich zu glauben lohnt!
Aber ungeachtet dessen, der böige Nordost, der in den Lamellen der Fensterläden pfiff, klang nun doch irgendwie ganz anders. Ja, für Johannes klang es nun eher so, wie damals am Strand und alles war urplötzlich wieder so allgegenwärtig. Und in ihm erklang immer und immer wieder eine zarte, liebevolle, innere Stimme, die ihm deutlich sagte:
„Und ewig singt der Sommerwind!“
Und wenn sie nicht gestorben sind, so lauschen sie auch heute noch, Hand in Hand, und gemeinsam diesem ewigen nie endenden Lied des Sommerwindes!
Liebe Vereinsmitglieder, liebe Gäste, lasst uns, gerade in diesen enorm herausfordernden Zeiten unseren Fokus auf das Schöne und Wertvolle des Lebens ausrichten und gemeinsam unser Glas erheben.
Bleibt alle gesund und munter, bleibt guten Mutes und voller Zuversicht!
Und ausserdem, das allerschönste an diesem Tag ist, dass ab Morgen schon die Tage unübersehbar wieder länger werden.
Das Licht kommt nun wieder zurück und auch wenn hin und wieder der kalte, bisige Nordost um Eure Hausecken pfeift, – vielleicht ist es ja doch schon der Sommerwind, der genauso zuverlässig wiederkehren wird, wie unser Licht…?