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Das meterhohe, weitflächig gewachsene Uferschilf tanzt zum Nordwestwind, der heute mässig, aber beständig über das Meer und das Hinterland zieht. Draussen fährt ein blau-weisser Krabbenkutter durch das Wattenmeer und zieht seine seitlich ausgebrachten Netze durchs trübe, flache Wasser. Der alte, mehr als 100 Jahre zählende, runde Leuchtturm, steht am Ufer und vermittelt eine geschichtsträchtige Nostalgie.

Die kleinen, weissen Schönwetterwölkchen am blauen Himmel, die der Wind zielstrebig ins Landesinnere schiebt, vermitteln eine beschauliche Ruhe und Gelassenheit. Eine schöne, heile Welt.

Auf der kleinen, von Wind und Wetter gekennzeichneten, Holzbank, auf dem Deichkamm, sitzt Brigitte und schaut hinaus in die Ferne. Tränen rollen über ihre Wangen.
Sie kommt immer hier her, wenn sie traurig, oder verzweifelt ist und einfach nicht mehr weiterweiss. Hier findet sie den dringend-notwendigen Abstand zu allen Ereignissen und Herausforderungen des Alltags, mit denen sie sich so oft überfordert und allein fühlt.

Vor 3 Jahren hatte sie ihren Mann durch einen Unfall verloren und ihren Vater musste sie vor 2 Jahren in ein Pflegeheim geben, nachdem dieser eine Schlaganfall erlitten hatte und von heute auf morgen ein Pflegefall wurde.
Seitdem lebt und wohnt sie mit ihrem 13-jährigen Sohn «Phillipe» in einer kleinen Wohnung und versucht nach Kräften, ihren Alltagsherausforderungen gerecht zu werden.
Ihren Vater besuchte sie bisher regelmässig 2-3 Mal in der Woche und lass ihm kleine Geschichten vor oder sang mit ihm gemeinsam einfache Lieder. Und das gab beiden ein sehr schönes Verbundenheitsgefühl, das den alten Mann auch wieder ein Stück weit genesen lies. Denn seit nunmehr 4 Wochen konnte er zumindest wieder einige Schritte im Zimmer auf und ab gehen. Und das sehr zum Erstaunen der behandelnden Ärzte, die eine andere Prognose vertraten.
Auch Phillipe hatte seinen Opa oft, mit der Mutter zusammen, besucht. Er liebte seinen Opa über alles und was hatten die beiden nicht alles über so viele Jahre gemeinsam unternommen.
Aber nun war das nicht mehr möglich. Und zu allem Übel galt seit 2 Wochen, in dem Pflegeheim, ein direktes Besuchsverbot. Lediglich durch ein Plexiglasfenster konnte sie ihren Vater, für maximal 10 Minuten, sehen und über das Mikrofon auch etwas mit ihm sprechen. Aber der alte Mann verstand diese Welt nun einfach nicht mehr, konnte es nicht begreifen, dass es keinen direkten Kontakt mehr geben sollte und durfte. So war es jedes Mal eine unerträgliche, tränenreiche Angelegenheit und grosses Leid auf beiden Seiten.
Brigitte hatte sich seitdem schon oft selbst Vorwürfe gemacht und es mehr als bedauert, dass sie den Vater nicht schon längst wieder nach Hause geholt hat. Aber nun war es zu spät.

Brigitte versuchte zwar gegenüber ihrem Sohn und dem Umfeld ihre unendlich tiefe Trauer und die Verzweiflung zu verbergen, aber Phillipe und das Umfeld nahmen sehr wohl wahr, wie es um sie und auch um den Opa stand.

Phillipe besuchte, gemeinsam mit seinen Freunden, Marc, Stefan und Peter, die Realschule des keinen Ortes. Sie waren schon seit klein auf gute Freunde und verbrachten fast täglich ihre Freizeit miteinander.

Eines Nachmittages, die 4 Freunde waren wieder gemeinsam unterwegs, erzählte Phillipe seinen Freunden von der grossen Trauer und Verzweiflung, in der die Mutter und der Opa sich befanden. Die Freunde hörten aufmerksam zu. Stefan sagte mit nachdenklicher Miene: «Es muss doch irgendwie eine Lösung geben!»
Phillipe erwiderte mit gesenktem Kopf und nachdenklicher Stirn: «Ich würde ja den Opa am liebsten dort heimlich herausholen und ihn irgendwo verstecken, wo ihn keiner so schnell findet. Dann wäre er zu Weihnachten wieder daheim.» «Aber das kann ich nicht allein»
Marc, Stefan und Peter schauen sich gegenseitig an und dann riefen alle drei, wie im Chor: «Da machen wir doch selbstverständlich mit, zusammen schaffen wir das ja wohl, oder?» Und grosse Freude und Begeisterung spiegelte sich in allen 4 Gesichtern wieder. «Ja, das könnte klappen!», sagte Philippe zu seinen Freunden und klatschte vor Freude in die Hände.
«Aber, wie willst Du den Opa da herausholen, Du kommst doch gar nicht erst in das Heim hinein. Ist doch alles abgeriegelt und bewacht!», fragte Stefan besorgt.
«Das muss ich auch nicht», bemerkte Phillipe, «ich habe einen anderen Plan» und über sein Gesicht zog sich ein breites Lachen. «Die Idee ist mir gerade eingefallen. -Der Opa befindet sich glücklicher Weise in einem Zimmer im Erdgeschoss, an der Westseite des Heims. Dazwischen ist nur ein Stück Rasenfläche, dann kommt ein Gebüsch und dahinter ist ein Feldweg. Wir hieven ihn einfach aus dem Fenster und setzen ihn dann in den alten Leiterwagen, den der Opa noch im Schuppen stehen hat. Der ist gross genug und auch stabil»!

Gesagt getan, – 4 Männer und ein Wort, – so soll es geschehen!

Drei Tage später war alles vorbereitet. Die 4 Freunde hatten sich nachts heimlich aus ihren Behausungen geschlichen und gerade am alten Schuppen getroffen, wo der Leiterwagen abgestellt war. Es war bereits nach 22h und stockfinster. Obwohl es Dezember war, waren die Temperaturen noch angenehm mild. Auch war es ungewöhnlich trocken und windstill.
Phillipe hatte bereits den Leiterwagen aus dem Schuppen geholt und einige Decken und Kissen hineingelegt. So sollte es der Opa weich und warm haben, wenn sie ihn damit transportierten. – Über verschiedenste Wege gelangten sie schliesslich zum Feldweg und zum Busch, von wo aus sie sich zum Zimmer-Fenster des Opas schleichen wollten. Zu Phillipes erstaunen brannte im Zimmer des Opas immer noch Licht. Der war scheinbar noch wach.
Den Leiterwagen liessen sie auf dem Feldweg stehen und schlichen über das Rasenstück zum beleuchteten Fenster des Opas. Die anderen Fenster waren alle dunkel.
Phillipe schaute durch das Fenster hinein und sah, wie sein Opa auf der Bettkante sass und in einer Zeitung blättert. Beherzt klopfte er an das Fenster und der Opa schaute erschrocken auf. Als Phillipe nochmals klopfte, stand der Opa auf und kam an das Fenster, um nachzuschauen, wer da wohl geklopft hatte. Als der Opa hindurchschaute, winkte Phillipe dem Opa aufgeregt zu und forderte ihn auf, das Fenster zu öffnen. Der Opa war zwar total irritiert, öffnete aber schliesslich doch das Fenster und Phillipe deutete mit dem Finger auf dem Mund an, dass der Opa leise sein sollte. Mit leiser Stimme sagte Phillipe zum Opa: «Psst, wir kommen Dich abholen!» Phillipe und Stefan sprangen über das Fensterbrett in das Zimmer, schnappten sich eine Jacke, die sie dem Opa hastig überzogen und noch bevor der Opa begriffen hatte, was passiert war, hatten ihn die beiden kräftigen Jungs, mit den Beinen voran, schon aus dem Fenster gehoben. Draussen nahmen Marc und Peter ihn entgegen und stellten ihn vor dem Fenster auf seine Füsse. Phillipe und Stefan sprangen aus dem Fenster hinaus und dann schnappten die 4 Jungs den Opa an Armen und Beinen und trugen ihn über das Rasenstück und durch den Busch zum Leiterwagen.
Bevor der perplexe Opa überhaupt etwas sagen konnte, sass er auch schon im Leiterwagen und wurde ordentlich gepolstert und eingepackt. Und dann ging es, im Galopp und haste was kannste, ab durch die Mitte.
Nach knapp 20 Minuten kamen sie an der Wohnung von Phillipe an. Durch Phillipes Zimmerfenster, dass sich ebenfalls im Erdgeschoss befand, wurde der Opa professionell ins Zimmer gehievt und im Bett von Philippe eingekuschelt. Leise schlichen sich die 3 Freunde wieder aus dem Zimmerfenster und gingen stolz und zufrieden nach Hause. Phillipe winkte ihnen noch eine Weile nach und dann schloss er das Fenster und kümmerte sich um den Opa. Der war immer noch völlig perplex und hatte scheinbar immer noch nicht ganz begriffen was geschehen war. Phillipe erklärte es ihm nochmals in aller Ruhe und mit leiser Stimme. Da begriff der Opa langsam was passiert war, freute sich sichtbar und lachte nun Philippe aus tiefstem Herzen und voller Lebensglück an!
Phillipe nahm ganz zart und voller Gefühl seine Hand und tätschelte sie sanft: «Opa, nun bist Du wieder zu Hause und hier bleibst Du auch, das verspreche ich Dir.»
Und noch während er das zum Opa sagte, nahm er dankbar wahr, wie in diesem Moment seine ganze Anspannung und die innere Aufregung der letzten Tage von ihm abfielen. Ufff!
Bevor er sich auszog und dann zum Opa ins Bett kuschelte, schaute er noch vorsichtig hinaus auf den Flur. Da war alles dunkel und ruhig. Die Mutter hatte nichts bemerkt und schlief in ihrem Zimmer. Phillipe deckte sich und den Opa zu und auch wenn es im Bett etwas eng war, schliefen beide nach einer Weile erschöpft, müde, aber glücklich und zufrieden ein.

Als Phillipe am anderen Morgen aufwachte, war es draussen noch dunkel. Der Opa schlief noch tief und fest. Phillipe hörte die Mutter in der Küche herumhantieren, zog sich rasch etwas an und ging dann zu ihr.
«Guten Morgen Phillipe, na Du bist ja heute schon früh auf den Beinen. Hast Du etwa schon Hunger?» «Nööö», lachte Phillipe die Mutter an, «aber ich habe eine Überraschung für Dich, komm doch gerade mal mit!» Und als Phillipe seine Zimmertür öffnet, zeigte er auf das Bett, wo der Opa immer noch tief und fest im Land der Träume verweilte.
Als die Mutter den Opa erblickte, fiel sie aus allen Wolken: «Um Gottes Willen, – Phillipe, was hast Du gemacht?» Phillipe aber lachte bis über beide Ohren und sagte voller Stolz: «Das, was dringend gemacht werden musste, damit dieses Drama endlich ein Ende findet und nichts anderes!»
Als der Opa seine Augen öffnete, lies sich die Mutter auf das Bett fallen, brach in Freudentränen aus und drückte den Opa ganz fest an ihre Brust. Auch der Opa lachte nun vor Freude und konnte seine Freudentränen auch nicht mehr zurückhalten. Welch ein Wiedersehen, welch eine Freude!
Als Phillipe sich nach einer Weile wieder etwas gefangen hatte, fragte er die Mutter mit verschmitztem Gesicht: «Ja, hast du nun auch für den Opa ein kräftiges Frühstück, damit der wieder zu Kräften kommt?» «Ja mein Junge, das habe ich ganz gewiss», erwiderte die Mutter und dann nahm sie Phillipe ganz fest in ihre Arme und konnte ihr Glück immer noch nicht ganz fassen. «Und weisst Du was heute für ein Tag ist?», fragte die Mutter freudestrahlend. «Nööö, keine Ahnung!», kam es als Antwort. «Heute ist der Tag der Wintersonnenwende und ab heute kehrt das Licht wieder und jeden Tag wird es nun wieder etwas länger hell!» «Ja, und wenn das kein gutes Omen ist, dann weiss ich nicht, welches überhaupt eines wäre!». Phillipe hingegen verstand eher nur Bahnhof und konnte mit dieser Info so gar nichts anfangen. «Wintersonnenwende?», sagte Phillipe achselzuckend. Aber, das war ihm nun auch total egal, Hauptsache die Mutter und der Opa waren nun endlich wieder glücklich beieinander.

Ja, und wie man sich denken kann, hatte das Ganze natürlich noch ein Nachspiel und einige Konsequenzen. Aber das ganze inszenierte, behördliche Theater war nichts im Gegensatz zu dem, was mit seiner Aktion erreicht wurde. Es hatte auch keinerlei juristische Folgen, weil Phillipe ja noch nicht strafmündig war.
Der Opa hingegen erholte sich mehr und mehr von seinem Schlaganfall. Und das war ganz sicher der guten Pflege der Mutter und der familiären Geborgenheit zu verdanken. Aber auch der überaus glücklichen und erfüllenden Zeit, die sie nun wieder zu dritt und gemeinsam leben und erleben durften.

Der Opa lebte, entgegen allen vorherigen, medizinischen Prognosen, noch einige Jahre weiter und als er dann eines Tages doch abberufen wurde, starb er erfüllt, zufrieden und lebenssatt.
Die Mutter fand auch bald wieder einen liebevollen und guten Partner, der das Leben der kleinen Familie in angemessener Form zu bereichern wusste.
Die 4 Freunde hingegen blieben unzertrennlich. Die gemeinsame Aktion zur Befreiung des Opas war aber für immer ein gemeinsamer Meilenstein in ihrem Leben.
Und auch heute noch treffen sie sich regelmässig zu ihrer traditionellen «Männerrunde», plaudern über vergangene Zeiten und über dies und das. Aber sollte mal, rein zufällig, das Stichwort «Opa» fallen, dann liessen sich die Freude und der Spass, den das unmittelbar auslöste, in keiner Weise verhindern.
Ja, und wenn sie dann gemeinsam ihre Gläser erhoben und sich zuprosteten, war das auch schon seit langem ein schönes und bewährtes Ritual, das ihre langjährige und tiefe Freundschaft unterstrich. – Auch heute noch!

Und damit sind wir nun am Ende dieser besonderen Lebensgeschichte angelangt.

Ab Morgen werden ja auch unsere Tage wieder länger und ich möchte mit Euch gemeinsam mein Becher erheben und Euch zuprosten, in grosser Dankbarkeit und Freude darüber, dass Ihr abermals mit dem Fischerverein, den Adventsfenstergästen und mir gemeinsam, diesen traditionellen Tag feiert.
Und, man glaubt es kaum, es ist nun heute schon das 12. Mal in Folge. – Euch allen nun ein schönes Weihnachtsfest und ein glückliches und erfolgreiches 2023. Auf bald mal wieder, vielleicht schon im kommenden Jahr zur nächsten Wintersonnenwende.
Auf Euer aller Wohl, – Proooost!

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