Der 12 jährige Junge Haans-Janik besucht heute mit seinen Eltern den Grossvater, der an einem Kanal, in dem kleinen holländischen Ort Woltersum wohnt. Der Ort Woltersum hat 150 Einwohner und liegt nur 10 km südlich der Stadt Delfzijl.
Der Grossvater besitzt dort neben seinem kleinen Siedlungshaus, wo auch Haans-Janiks Mutter aufgewachsen ist, ein über 60 Jahre altes Hausboot, das für 2-3 Personen ausreichend Platz zum Verweilen und für Kanaltouren zu anderen Orten am Kanal bietet.
Das Hausboot ist mit einem 15PS Dieselmotor ausgestattet und ausserdem gibt es im Innenraum einen kleinen Kachelofen, der den Raum heizt, wenn es draussen kalt und ungemütlich wird und selbstverständlich eine kleine Kombüse.
Der Grossvater hatte Haans-Janik und seine Eltern heute mal wieder zu einer Kanalfahrt eingeladen. Die haben einen grossen Picknickkorb mitgebracht. Denn so eine Kanalfahrt macht immer mächtig hungrig!
Für Haans-Janik ist es heute nun doch schon wieder eine ganze Weile her, dass er auf dem Hausboot vom Grossvater mitfahren durfte und der Grossvater hatte ihm für dieses Mal sogar versprochen, dass er das Boot auch ein Stück selbst steuern darf.
Das war natürlich eine aufregende Aussicht und der Junge konnte es kaum erwarten, bis der Grossvater den Motor startete und die Leinen löste. Als die Leinen gelöst und an Bord gesichert waren, drehte der Grossvater das Steuerrad hart nach steuerbord und schob den Gashebel leicht nach vorn. Das Boot setzte sich umgehend in Bewegung und schon ging es los. Mit maximal 5km/h, das war die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf dem Kanal, ging es in Fahrtrichtung Süden.
Als das Schiff im Fahrwasser angekommen war, durfte Haans-Janik das Steuerrad übernehmen. Der Grossvater stand hinter ihm und hielt seine Hände auf Haans-Janiks Schultern. Der Junge war mächtig stolz und seine Backen waren vor Aufregung ganz rot angelaufen. Langsam ging es voran und Haans-Janik steuerte mit allergrösster Aufmerksamkeit und viel Gefühl das Boot und der Grossvater sparte nicht mit Komplimenten, weil er einfach total begeistert war, wie dieser junge Bursche sich alle Mühe gab, um es auch ja richtig zu machen.
Und somit ergab es sich, dass er auch auf der gesamten Rückfahrt das Steuerrad fest in seinen Händen hielt. Dabei war unübersehbar in seinem Gesicht der Stolz und die Freude abzulesen.
Und so begann an diesem Tage eine ganz besondere Geschichte, die Geschichte von Grossvaters Hausboot und Haans-Janik als angehender Steuermann!
Die Jahre vergingen und Haans-Janik hat seine Hausboot-Steuer-Abenteuer immer wieder seinem besten Freund Fidje erzählt und der hatte immer mit grossen Augen und offenem Mund diese Abenteuererzählungen aufgesaugt, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Und Fidje ist dabei sehr oft vor Neid ganz blass geworden.
Eines Tages, Haans-Janik war bereits 14 Jahre alt und hatte mittlerweile viel Erfahrung mit dem Grossvater gesammelt, fragte Fidje, ob er nicht auch mal dieses Hausboot steuern dürfte. Er wünschte es sich sooo sehr, das Haans-Janik grosse Mühe hatte ihm diesen Wunsch zu verwehren. Es bleibt noch zu erwähnen, dass Fidje seit vielen, vielen Jahren sein allerbester Freund war und er konnte sich immer auf ihn verlassen, besonders während der Klassenarbeiten, wo er immer neben ihm sass und oftmals die notwendigen, richtigen Rechenergebnisse und andere wichtige Informationen bei ihm «abspicken» konnte.
Ja, aber wie, um alles in der Welt, sollte er den Grossvater davon überzeugen, dass Fidje auch mal an das Steuer des Hausbootes stehen und es lenken durfte? Diese Herausforderung brachte Haans-Janik nun doch schier an den Rand der Verzweiflung!
Aber manchmal hilft ein unerwarteter, weltlicher Zufall und dann ergibt sich eine Gelegenheit, die sich zwar als selten, aber dennoch praktikabel erweisen sollte.
So kam es, dass der Grossvater eines Tages wegen einer plötzlich aufgetretenen Darmentzündung für einige Tage in das nahe gelegene Spital in Delfzijl eingeliefert werden musste. Das war für den Grossvater zwar eine sehr üble Situation, aber für Haans-Janik die Gelegenheit, worauf er dringend gewartet hatte.
Wo der Ersatzschlüssel für das kleine Siedlungshaus vom Grossvater aufbewahrt wurde, war ihm hinlänglich bekannt. Auch wo der Schlüssel für das Hausboot hing, wusste er sehr genau.
Gesagt, getan, das war die Chance für ihn sich bei Fidje für die zahllose Unterstützung in den Kassenarbeiten zu revangieren.
Und so kam es, wie es kommen musste. Die beiden Freunde machten sich am nächsten Tag, nach der Schule direkt auf den Weg zum Haus des Grossvaters und anschliessend zum Kanal, wo sich auch die Anlegestelle für das Hausboot befand.
Im Haus vom Grossvater besorgte sie sich den Schlüssel vom Hausboot. Und mit schnellen Schritten ging es schnurstracks zum Kanal und zum Liegeplatz des Hausbootes.
Fidje konnte es kaum erwarten am Hausboot anzukommen und dieses in Aussicht gestellte Abenteuer zu erleben. Haans-Janik hatte da eher ein etwas mulmiges und gedämpft-freudiges Gefühl. Aber jetzt war es zu spät über eventuelle Folgen dieser Aktion nachzudenken. Es half nichts, er musste da nun durch!
Am Boot angekommen schloss Haans-Janik sogleich das Boot auf und bereitete den Motor für den Start vor, so wie er es gelernt hatte und es für ihn längst gewohnte Routine war.
Zündung anschalten, die Treibstoffpumpe einen Moment fördern lassen, was sich in einem leisen Summen unter dem Kajütboden bemerkbar machte, Gashebel leicht nach vorn, Startschlüssel rumdrehen und der Motor setzte sich mit einem starken Schütteln, der das ganze Boot zum Vibrieren brachte, willig in Gang. Gas zurücknehmen und dann die Leinen für das Ablegen lösen und an Deck versorgen.
Dann kam Haans-Janik zurück in die Kabine und legte den Vorwärtsgang ein, indem er auch das Ruder ganz hart nach Steuerbord drehte.
Willig setzte sich das Gefährt in Richtung Fahrwassermitte in Bewegung. Dort angekommen brachte er das Boot auf die erlaubten 5km/h-Geschwindigkeit und auf korrekten Geradeauslauf.
Fidje rutschte nervös auf dem Backbordstuhl hin und her und konnte es kaum erwarten bis er das Steuer endlich übernehmen konnte. Dann war es soweit, nun war Fidje der 1. Steuermann und Haans-Janik der Kapitän.- Schiff ahoi!
Fidje bekam den Befehl das Boot exakt und genau in der gegenwärtigen Fahrposition zum Ufer auf Kurs zu halten. Haans-Janik nahm auf dem Backbordsitz Platz und beobachtete Fidje und seine Steuerhandlungen sehr genau. Als er sich sicher war, dass Fidje seine Tätigkeit mit der nötigen Sorgfalt erfüllte, ging er nach hinten in den Kombüsenraum und wollte für beide ein angemessenes Seefahrergetränk in Form eines Cola-Fanta-Mix besorgen. Das befand sich tief im Bilgen-Lagerraum, sodass er mit seinem Oberkörper dort tief hineintauchen musste, um an die Vorräte heran zu kommen.
Gerade als er mit 2 Getränkedosen wieder auftauchte, gab es einen mächtigen Knall und das Boot wurde heftig erschüttert.
Haans-Janik rannte direkt zum Steuerrad, dann sah er gerade noch, wie sich die Fahrwasserboje in Richtung Ufer auf und davon machte.
Fidje hatte ganze Arbeit geleistet und die Fahrwasserboje erfolgreich, mit einem Schlag, von ihrer Bojen-Verankerung befreit!
Haans-Janik wurde es augenblicklich hundeübel und das Gesicht nahm die Farbe eines Kalkeimerinhaltes an. Das von Fidje wechselte hingegen auf ein kräftiges, kraftvolles Abendrot, wie das einer untergehenden Sommersonne.
Die Fahrwasserboje hingegen genoss sichtlich ihre unerwartete und frisch erworbene Freiheit und tänzelte mit dem Wind über die Wasseroberfläche im Kanal.
Am Hausboot selbst hatte es zumindest steuer- und motortechnisch offensichtlich keinen Schaden gegeben. Den Bug konnte Haans-Janik erst überprüfen, wenn das Boot wieder am Liegeplatz festgelegt wurde.
Also, kräftig schlucken, tief Luft holen, das Boot wenden und schnurstracks wieder zurück zum Anleger.
Fidje fing an zu weinen und konnte sich nicht beruhigen. Haans-Janik hingegen hatte gerade einen anderen, in sich selbst rotierenden Gedankensalat zu verarbeiten. Immer wieder musste er kräftig schlucken und sich fragen, wie er das bloss seinem Opa beibringen sollte. Aber für einen klaren Gedanken, oder gar eine gute Lösung, gab es gegenwärtig überhaupt keine Chance.
Nach gut 30min erreichte Haans-Janik die Anlegestelle und machte das Boot wie gelernt fest. Anschliessend untersuchte er den Bug und sah, dass es dort eine rechte Beule hatte und der Schutzanstrich an der Kollisionsstelle abgeplatzt war.
Der Schaden war also deutlich sichtbar und ihm wurde schlagartig noch übler, als zuvor, als er daran dachte, wie er diesen Vorfall bloss dem Opa beibringen sollte und konnte.
Dann versorgte er das Boot an der Anlegestelle, wie er es vom Opa gelernt hatte.
Das Abenteuer hatte ein jähes Ende gefunden. Anschliessend gingen beide zunächst schweigend nebeneinander nach Hause.
Fidje und Haans-Janik hatten sich nach einer Weile wieder etwas beruhigt und beschlossen gemeinsam zum Opa zu gehen und das Ereignis zu beichten. Ihre Solidarität galt somit auch in schwierigen Situationen und Ereignissen und das war sehr gut so!
Es war drei Tage später, als der Opa wieder nach Hause entlassen wurde. Haans-Janiks Mutter holte ihn im Krankenhaus ab und brachte ihn unmittelbar in sein kleines kuscheliges Zuhause.
Nachdem er seine Sachen wieder versorgt hatte und die Schmutzwäsche im Wäschekorb landete, machte er sich erst einmal einen ordentlichen Kaffee. Die Plörre, die sie ihm im Krankenhaus dargeboten hatten, war alles andere als Kaffee. Er war überzeugt davon, dass selbst gefärbtes Wasser einen besseren Geschmack besass. Aber jetzt würde er sich einen richtigen Opa-Kaffee bereiten und den von ganzem Herzen und in Dankbarkeit, dass er wieder zu Hause war, geniessen.
Er hatte den Kaffee noch nicht lange getrunken, da klopfte es an seiner Haustür. Der Opa öffnete und zu seinem grossen Erstaunen standen Haans-Janik und Fidje vor der Tür und schauten betreten und verlegen auf den Boden.
«Ja, was ist denn das für ein Besuch und eine Überraschung?» Damit hatte der Opa nun überhaupt nicht gerechnet.
«Kommt rein Ihr beiden und setzt Euch zu mir mit an den Küchentisch.» Leicht betreten kamen sie herein und nahmen am Küchentisch Platz. Der Opa merkte sehr wohl, dass irgendetwas nicht stimmte und wartete erst mal ab, was da nun wohl kommen würde.
Haans-Janik schaute dem Opa ins Gesicht und kleinlaut gab er zu verstehen, dass sie gekommen waren, um ihm eine Beichte abzulegen.
«Um Gottes Willen Jungs, was ist den bloss los mit Euch?» Und Haans-Janik begann dem Opa die ganze Geschichte zu erzählen, nicht ohne sich ständig zu entschuldigen.
Der Opa war bass erstaunt und schaute zunächst durchaus überrascht und etwas sorgenvoll die Jungs an.
«Ja, ihr Lieben, das ist nun aber doch ein dickes Ding!», kam es als Antwort. Und stattdessen, das es nun zu einer handfesten Standpauke kam, lächelte der Opa zum Erstaunen der Jungs und sagte schliesslich. «Ich rechne Euch diese Beichte hochgradig an und finde es grossartig, dass ihr beide den Mut hattet, gemeinsam zu mir zu kommen.
Der Opa gab ihnen zu verstehen, dass er ihnen nicht böse sei und zum Ausgleich für den entstandenen Schaden sollten beide den Bug gemeinsam abschleifen und neue Farbe aufbringen. «Seid ihr mit dieser Strafe einverstanden?» «Jaaaa, lieber Opa, das machen wir sehr gern!» Und bist Du uns auch nicht mehr böse deswegen?» «Nein, meine jungen Freunde, im Gegenteil, ich habe mich sogar entschieden Euch beiden eine Zeitlang Fahrstunden zu schenken, bis ihr sicher genug seid, dass ihr das Hausboot auch ohne mich benutzen und fahren könnt.
Die Jungs waren so dermassen überrascht, dass sie beide kurzfristig anfingen vor Freude zu weinen. Sie konnten ihr Glück einfach nicht fassen und schauten sich freudestrahlend an. Dann sprangen beide wie auf Kommando auf und umarmten den Opa so fest, dass er fast keine Luft mehr bekam.
Und so kam es, wie es kommen musste. Der Opa machte sein Verspechen war und in den folgenden 2 Monaten gab er ihnen, voll motiviert und zuversichtlich, die in Aussicht gestellten Fahrstunden. Die Jungs stellten sich als richtige Profi-Lenker heraus und mit jedem Mal wurden sie sicherer und erfahrener im Umgang mit dem Hausboot. Der Opa war schlichtweg begeistert und hatte jedes Mal eine grosse Freude, wenn sie zu Dritt gemeinsam unterwegs waren.
Als die Sommerferien begonnen hatten, waren beide Fahrschüler mit dem Boot so sehr vertraut, dass der Opa ihnen sogar erlaubte gemeinsam für eine Woche auf dem Boot ihre Ferien zu verbringen und auch gemeinsam mit dem Hausboot auf dem Kanal 8 Tage allein und ohne den Opa auf Tour zu gehen, – Taschengeld inklusive, versteht sich!
Das war natürlich das absolute Feriengeschenk. Und nach dieser Zeit brachten die beiden Jungs das Hausboot unbeschädigt und ordentlich gereinigt zurück an den Anleger.
Beide waren mächtig stolz, als sie dem Grossvater von ihren Abenteuern und Erlebnissen berichteten.
Es folgten in diesem Sommer noch einige weitere Touren, die sie entweder allein, oder zusammen mit dem Grossvater realisieren konnten. Es war jedes Mal für alle eine erfüllende und schöne Zeit.
Und als der Opa eines fernen Tages gestorben war, erbte Haans-Janik selbstverständlich das Hausboot. Und so oft es möglich war fuhr Fidje als 2. Steuermann mit.
So lebten sie noch viele, viele erfüllende Jahre mit Opas Hausboot und gingen gemeinsam auf Tour.
Und so fahren sie auch noch heute, sehr oft gemeinsam auf dem Kanal entlang und egal wo sie auch hinfuhren, der Opa war immer dabei. Denn auf dem Armaturenbrett stand sein Foto und somit war er zu allen Zeiten und Begebenheiten mit ihnen auf grosser Fahrt.
In diesem Sinne, hoch lebe Opas Hausboot und allzeit eine handbreit Wasser unter dem Kiel und damit Schiff ahoi!
So wünsche ich Euch allen nun noch ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen gelungenen Jahreswechsel, geniesst die Wiederkehr des Lichts uns schön seid Ihr heute Abend hier gewesen. Ja, und wenn alles gut weitergeht, sehen wir uns vielleicht auch im nächsten Jahr, zur Wintersonnenwende wieder. Dann bereits zum 15. Mal in Folge. Prost und auf Eure Gesundheit!