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Wenn die Welt untergeht

Robert Lüttin -
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Diese Geschichte ereignet sich gerade jetzt etwa 1200 Kilometer südwestlich von hier, dort wo Frankreich zu Ende ist und Spanien beginnt. In der Bergregion der spanischen Pyrenäen, irgendwo zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer. In einem kleinen Bergdorf mit kaum mehr als 250 Einwohnern, wo die Menschen auch heute noch ihrem eigenen Lebens-Rhythmus folgen und sich einen „Dreck“ um die Probleme und die Politik der Welt kümmern und das auch nur, weil sie selbst genug mit sich und ihresgleichen zu tun haben.

Und obwohl die Geschichte in der aktuellen Gegenwart spielt ist sie in der Vergangenheit geschrieben, denn während wir ihr lauschen ist sie ja auch schon wieder Vergangenheit.

Auch in unserem Pyrenäendorf findet heute die Wintersonnenwende statt, also der kürzeste Tag dieses Jahres. Aber es gibt noch eine Besonderheit an diesem heutigen Tag, es ist der Tag an dem nun auch der berühmt-berüchtigte Mayakalender zu Ende geht.

Ach ja, was geistern nicht schon seit geraumer Zeit die interessantesten und kreativsten Prophezeiungen und Voraussagen um diesen Tag. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn auch in einigen Köpfen unserer Dorfbewohner komische Gedanken, Ängste und Verwirrungen herumspuken und keiner eigentlich so recht weiss, was er nun von all dem ganzen Drumherum halten soll.

Der Kult und die Geschichte der Mayas sind den Menschen hier zwar relativ unbekannt, aber vom bevorstehenden Weltuntergang, mit sintflutartigen Wassern und anderen haarsträubenden Ereignissen, hat auch hier jeder mehr oder weniger schon einmal etwas gehört.

Und so hatte sich der Gemeinderat dieses kleinen Ortes in seiner letzten Sitzung entschieden, den Dorfpfarrer zu konsultiert, um ihn um seine Meinung zu fragen und was man tun könnte, um Schlimmeres zu verhindern. – Denn wenn einer den direkten Draht zum Himmel hat, dann ganz gewiss der Dorfpfarrer in seiner äusserst wichtigen Eigenschaft als Vertreter Gottes.

Der Pfarrer seinerseits erkannte in dem Anliegen des Gemeinderates eine günstige Gelegenheit, die in den vergangenen Jahren eher schwindende Teilnehmerzahlen in seinen Gottesdiensten etwas zu reaktivieren.

Er schlug den Vertretern des Gemeinderates vor, am Abend des 21.12. um 19.00 Uhr mit allen Bewohnern aus dem Dorf, die mobil genug waren, einen Gottesdienst abzuhalten.

Und mit der Überzeugung eines sehr ehrfürchtigen Gottesmannes versprach er dann die prophezeiten Ereignisse, zumindest für diese Region und natürlich im Einklang mit der grossen Gnade des Herrn, zu verhindern.

So machten sich die gottesfürchtigen Vertreter des Gemeinderates auch gleich an die Arbeit und besuchten jede Familie im Dorf, um sie von der Teilnahme am Gottesdienst zu überzeugen.

Die meisten Erwachsenen, vor allem die älteren unter ihnen, waren dem ortsüblichen Glauben treu ergeben. Und so mussten die Gemeindevertreter nicht allzu viel Überzeugungsarbeit leisten.

Nur die Dorfjugend, die in der Schule, aber auch von ihren Eltern, von diesem Beschluss erfuhr, war gar nicht begeistert.

Und dennoch, es half nichts, Lehrer und Eltern bestanden vehement darauf, dass auch der Nachwuchs an diesem Gottesdienst teilnehmen musste und damit basta.

Paco, Fernando und Alfredo, drei 16-jährige die schon seit frühster Kindheit als unzertrennlich galten, gehörten ebenfalls zu dieser Dorfjugend. Und da sie dem Entschluss nicht entgehen konnten und gezwungen waren teilzunehmen, hatten sie eine andere Idee, dem hinterlistigen Pfarrer mal eins auszuwischen und ganz nebenbei auch all den naiven Eltern, die sich der Autorität des Pfarrers immer wieder unterwarfen.

Sie sind und waren ein unzertrennliches Bandenteam und ihr Einfallsreichtum im Streiche spielen war beispielhaft und vielfältig.

Ausserdem hatte ihnen der autoritäre Pfarrer schon zu oft im Religionsunterricht Strafarbeiten verpasst, weil sie seine moralisch-religiösen Ansichten nicht teilten.

Aber genützt hatten all die Strafarbeiten bis dato eh nichts. Für den Pfarrer waren sie unverbesserlich und eine leidige Last in seinem Religionsunterricht und in der Kirchengemeinde.

Drei Tage vor dem grossen Ereignis trafen sich Paco, Fernando und Alfredo oberhalb des Dorfes, an einem keinen Platz vor dem grossen Fischteich des Dorfmüllers um zu beratschlagen, was man tun konnte. Eine kleine schmale Dorfstrasse führte vom Kirchplatz direkt hier herauf und von hier aus hatte man die Kirche und das ganze Dorf im Blick.

Zwei grosse Pinien standen hier und im Schatten ihrer mächtigen Kronen stand eine Bank, die zum Verweilen einlud.

Der Fischteich des Dorfmüllers, der immerhin ein Hektar gross war, war voll von lebendigen quirligen Forellen. Ob sie wohl ahnten, dass einige von ihnen bald auf dem weihnachtlichen Esstisch ihr seliges Ende nehmen würden?

Die zündende Idee kam Paco, der immer wieder den vorausgesagten Weltuntergang und die prophezeiten „sintflutartigen Wassermassen“ dachte. Und mit dieser Idee erwachte auch die Kreativität der anderen beiden. Und so war allen rasch klar auf welche geniale und eindrucksvolle Weise sie diese Prophezeiungen in Erscheinung treten lassen konnten.

Und schliesslich war es soweit.

Alle kamen sie brav daher, in ihren besten Sonntagskleidern, die Eltern mit ihren Kindern und Jugendlichen, die Alten, die Singels und die jungen Pärchen, einfach alle die gesund und mobil genug waren.

Die Kirchenglocken läuteten den Gottesdienst schon eine halbe Stunde vorher ein und pünktlich um 19 Uhr begann die Messe.

Der Pfarrer seinerseits hatte in seiner hiesigen über 20-jährigen Pfarrergeschichte, die Kirche noch nie so voll und überfüllt gesehen. Und er genoss sichtlich seinen grossen Triumpf und in seinem sonst eher ernsthaften Gesichtsausdruck kam eine deutliche Zufriedenheit zum Ausdruck.

Auch Paco, Fernando und Alfredo waren brav mit in die Kirche gekommen. Und weil es angesichts dieses Besucheransturms zu wenige Sitzplätze gab, blieb ein Teil der Besucher in den Gängen und im hinteren Ende der Kirche stehen. Unsere drei Helden nutzten diese Gelegenheit und verweilten, aus strategisch wichtigen Gründen, dicht bei der Kirchentür.

Dann wurde es still im Gotteshaus und der Pfarrer, festlich geschmückt wie immer, nahm seine Position vor dem Altar ein, sprach ein paar einführende Worte und begann mit einem Gebet, in das alle anderen einstimmten.

In der Monotonie des Gebetgemurmels machen sich Paco, Fernando und Alfredo bereit für ihre Aktion und als das Gebet verstummte, begann der Organist mit dem ersten Lied.

Der Geräuschpegel der Orgel und der des Gesangs waren so ausgeprägt, dass niemand bemerkte, wie sich das Dreierteam heimlich aus dem Stab machte. Eiligst rannten Paco und Fernando vom Kirchplatz auf der kleinen Dorfstrasse den Hügel hinauf, geradewegs auf den Fischteich des Müllers zu. Alfredo wartete hinter der Friedhofsmauer auf seinen Einsatz.

Zur weiteren Erläuterung der Geschehnisse muss noch erwähnt werden, dass dieser Teich mit einem Wehr ausgestattet ist, mit dem der Müller den Wasserstand und die Menge des aus dem Teich abfliessenden Wassers regeln kann. Das abfliessende Wasser wird von hier aus in eine relativ schmale Rinne geleitet. Diese führt im weiteren Verlauf seitlich der schmalen Dorfstrasse entlang hinunter und bis vor den Kirchplatz. Dort mündet diese Rinne in ein unterirdisches Rohr. Und dieses Rohr wiederum endet hinter dem Friedhof, wo das abfliessende Wasser schliesslich in den Dorf Bach eingeleitet wird.

Diese Wehr war nun genau die optimale technische Einrichtung, um die Sintflut angemessen in Erscheinung treten zu lassen. Denn eines war klar. Wenn sie das Wehr nur weit genug öffneten, war diese schmale Rinne den abfliessenden Wassermassen nicht mehr gewachsen und so musste es zwangsläufig und geradewegs über die Strasse und den Kirchplatz direkt in die Kirche fliessen.

In der Kirche wurde unterdessen munter weiter gesungen und die drei „Sintflutschöpfer“ hatten sich entschieden, dass diese Sintflut genau mit dem Beginn der Predigt eintreten sollte, sie mussten sich also beeilen.

Paco und Fernando winkten Alfredo zu und gaben ihm somit das vereinbarte Zeichen. Alfredos Aufgabe war es die Kirchentür unbemerkt einen Spalt zu öffnen, wenn sich das Wasser vor dem Eingang soweit gesammelt hatte, dass es als nächstes über die Türschwelle in die Kirche eindrang. Und so brachte sich Alfredo in Position und war bereit für seinen Einsatz.

Paco und Fernando drehen unterdessen gemeinsam am schweren Eisenrad, und das Sperrwerk öffnete sich zusehends. Dramatisch und eindrucksvoll nahm der Wasserabfluss zu. Als schliesslich die abführende Rinne das Wasser nicht mehr aufnehmen konnte, trat dieses erwartungsgemäss über die bescheidenen Ufer und ergoss sich auf die Dorfstrasse.

Ja, das war eine Sache so eine Dorfstrasse in einen reissenden Fluss zu verwandeln. Es war ein eindrucksvolles Schauspiel, wie sich die Wassermassen zielstrebig in Richtung Kirche zubewegten. Ihre Begeisterung stieg nun im selben Masse an, wie der Wasserstand auf dem Kirchplatz.

Das Wasser das aus dem Wehr herausströmte, riss auch die ersten Forellen des Müllers aus ihrer gewohnten Umgebung. Einige versuchen zwar noch entgegen der Strömung in Richtung Teichanlagen zurück zu schwimmen. Aber der kraftvolle Wasserstrom, der durch das Gefälle der Dorfstrasse unterstützt wurde, liess ihnen keinerlei Chancen. Es ging stetig abwärts.

Dann rannten sie in Windeseile auf dem etwas höher liegenden, trocken gebliebenen Wiesenstück neben der Dorfstrasse zurück zum Kirchplatz.

Währenddessen wartete Alfredo noch einen Augenblick, bis das Wasser vor der Eingangsstufe der Kirchentür hoch genug angestiegen war und öffnet dann unbemerkt einen Spalt breit die Tür. Der Druck des einfliessenden Wassers würde den Rest erledigen und so konnte Alfredo wieder rasch hinter der Friedhofsmauer in Deckung gehen.

Auf die Sekunde genau und in dem Moment, als die Musik verklang und der Pfarrer mit der Predigt begann, drückt das Wasser die Kirchentür auf und ergoss sich in die Kirche hinein.

Paco und Fernando, an der Friedhofsmauer angekommen, sprangen in einem Satz hinüber, wo auch Alfredo schon wieder in Deckung gegangen war.

Der Pfarrer, der gerade mit der Predigt beginnen wollte, glaubte seinen Augen nicht, als sich die Kirchentür, wie von Geisterhand bewegt, öffnet und das schmutzige, schlammige Wasser und mit ihm auch gleich einige zappelnde Forellen, hereingeströmt kamen.

Diejenige, die hinten standen, weil sie keinen Sitzplatz mehr abbekommen hatten, schrien als erstes – „Die Sintflut kommt, die Sintflut“ und liefen jetzt wild schreiend und durch das Wasser platschend aus der Kirche hinaus.

Der Pfarrer flüchtete auf die Empore vor dem Altar und einige Kirchenbesucher aus den vorderen Sitzreihen ebenfalls.

Ein Teil der Menschen drängte über die verstopften Gänge zum Ausgang, andere wiederum stellten sich wild gestikulierend auf die Sitzbänke und schrien um Hilfe. Jeder dachte nur noch an sich und wie er sich vor der Sintflut in Sicherheit bringen konnte.

Paco, Fernando und Alfredo indessen, mischten sich unbemerkt unter die Flüchtenden und schrien ihrerseits so laut sie konnten: „Die Sintflut kommt, die Sintflut, wir sind alle verloren, rette sich wer kann!!“ und sorgten so für noch mehr Panik und Aufregung in diesem Tumult. Und alle rannten nun noch wilder und noch panischer durcheinander und schliesslich in alle Richtungen davon.

Der Dorfmüller war einer der ersten unter den Geflohenen, der begriff, was die wahre Ursache dieser Sintflut sein könnte.

Die zappelnden Forellen hatten ihn stutzig werden lassen und er vermutete gleich, dass es seine aus dem Teich sein mussten. Sein Verstand fing wieder an zu funktionieren. Und so rannte er schnurstracks hinauf zum Fischteich, wo er eiligst das Wehr verschloss, um weiteren Schaden zu vermeiden.

Ja, das war ein Ereignis, wie es zuvor dieses Dorf noch nie erlebt hatte und wie man sich denken kann, es sollte für alle ein unvergessenes Ereignis bleiben.

Bleibt mir noch nachzutragen, dass Paco, Fernando und Alfredo vom Effekt und dem Erfolg dieses „Weltunterganges“ schwerstens begeistert waren. Es war ihr grösster, effektivster, aber auch letzter gemeinsamer Coup gewesen. Denn im bevorstehenden Sommer mussten alle drei das Dorf verlassen, um in einer grösseren Stadt eine Berufsausbildung zu beginnen.

Zwar vermuteten doch einige der Dorfbewohner, ganz gewiss aber der Pfarrer, dass diese Drei irgendetwas mit diesem Ereignis zu tun hatten, aber nachweisen konnte man es ihnen nicht.

Zu viele Menschen hatten im Nachhinein der Untersuchungskommission des Gemeinderates, der auch der Pfarrer angehörte, bestätigt, dass die Verdächtigen in der Kirche waren und auch mit ihnen über den Kirchplatz geflüchtet sind.

Und so blieb das Rätsel ungelöst und jeder machte sich seinen eigenen Reim um zukünftige Prophezeiungen von Weltuntergängen, Sintfluten und anderer Erscheinungen.

Und auch der Pfarrer musste sich seine Niederlage eingestehen. Seine zunächst erfolgreich begonnene Taktik ging leider nicht auf und so kam er zu dem Schluss, dass es vielleicht wirklich eine göttliche Kraft war, die hier irgendwie gewirkt haben könnte und dass die Wege des Herrn wahrhaft unergründlich sind.

Die Aufräumarbeiten gestalteten sich relativ unproblematisch. Allerdings gab es zu diesem Weihnachtsfest ein ungewöhnlich reichhaltiges, aber preislich recht günstiges Angebot an „frischen“ Forellen zum Festschmaus. Und das war ja auch schon mal was.

Ja, liebe Zuhörer und dies ist nun das Ende der Geschichte. Und damit darf der Maya-Kalender ebenfalls in einigen Stunden zu Ende gehen, genauso wie dieser kürzeste Tag des Jahres 2012. Wer weiss was diesem Mayakalender nun folgen wird und es ist ja eigentlich auch egal. Denn wir glauben doch sowieso nicht an so einen Unfug, oder gar an solche Prophezeiungen, oder?

Mit der alljährlichen Wintersonnenwende, der eigentlich auch unsere Zusammenkunft gewidmet ist, können wir uns nun gemeinsam auf die wieder länger werdenden Tage, auf die Rückkehr des Lichts und auf eine weitere schöne gemeinsame Zeit in unserem Fischerverein freuen.

Ich bedanke mich bei Euch, dass ihr mir die Gelegenheit gegeben habt, mit Euch diesen Tag einmal mehr zu feiern, aber auch Heinz und Vreni und wünsche Euch, dass Euch der Glühwein, mit oder ohne Schuss, Eure Körper, Eure Herzen und die Seelen erwärmen möge.

Auf Euer aller Wohl und lasst es Euch schmecken.

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